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Leben

Rituale für die dunklen Monate

Wenn es um fünf Uhr dunkel wird, helfen kleine Wiederholungen. Ein paar Ideen für Herbst und Winter – inklusive Dankbarkeit ohne Kitsch.

Jana Meier 29. September 2026 5 Min.

Irgendwann Ende Oktober passiert es jedes Jahr: Du schaust vom Bildschirm auf, und draussen ist es schon dunkel. Dabei ist es noch nicht einmal halb sechs. Nach der Zeitumstellung fühlt sich der Tag an, als hätte ihm jemand das Ende abgeschnitten.

Manche lieben diese Zeit, andere zählen die Wochen bis Februar. Den meisten geht es irgendwo dazwischen. Was hilft, ist nicht, den Winter wegzuwünschen, sondern ihm eine Form zu geben. Rituale tun genau das: Sie sind kleine, wiederkehrende Handlungen, die dem Tag Halt geben, wenn das Licht es nicht mehr tut.

Was ein Ritual von einer Gewohnheit unterscheidet

Zähneputzen ist eine Gewohnheit. Die Kerze, die du jeden Abend anzündest, wenn du nach Hause kommst, kann ein Ritual sein. Der Unterschied liegt in der Aufmerksamkeit. Ein Ritual tust du bewusst, und es bedeutet dir etwas, auch wenn das niemand sonst sieht.

Das Schöne: Rituale müssen weder spirituell noch aufwendig sein. Sie sollen nur zu dir passen. Drei Fragen helfen bei der Suche:

  • Wann im Tag fühlst du dich im Winter am verlorensten?
  • Was tut dir zuverlässig gut, ohne viel Vorbereitung?
  • Was davon könntest du regelmässig tun, auch an schlechten Tagen?

Morgen: Licht holen

Im Winter gehst du oft im Dunkeln aus dem Haus. Gerade deshalb lohnt es sich, am Morgen bewusst Licht zu suchen.

  • Erst das Licht, dann das Handy. Mach beim Aufstehen eine warme Lampe an und öffne die Vorhänge, auch wenn draussen noch nichts zu sehen ist.
  • Ein Kaffee am Fenster. Fünf Minuten stehen und zuschauen, wie es hell wird – an Tagen, an denen das zeitlich drinliegt.
  • Mittags raus. Wenn es eine Tageszeit gibt, in der du im Winter Tageslicht abbekommst, dann ist es die Mittagspause. Ein Spaziergang um den Block zählt.

Falls dich die dunkle Jahreszeit über längere Zeit stark niederdrückt, du dich kaum noch aufraffen kannst oder dich von allem zurückziehst, sprich mit deiner Hausärztin. Das ist kein Grund zur Scham, sondern etwas, das sich behandeln lässt.

Abend: Den Tag schliessen

Die Abende sind lang, und sie gehen leicht im Scrollen unter. Ein Abendritual setzt einen Punkt.

Die Ankommens-Kerze. Beim Heimkommen eine Kerze anzünden, bevor du irgendetwas anderes tust. Sie markiert: Jetzt beginnt der private Teil des Tages.

Die warme Tasse. Immer zur gleichen Zeit einen Tee, eine Gewürzmilch, eine Bouillon. Das Ritual liegt im Zubereiten und darin, sich dafür hinzusetzen.

Das Licht-Aus-Buch. Ein Buch, das nur abends gelesen wird, und nur auf Papier. Es muss nicht anspruchsvoll sein. Es soll dich nur vom Bildschirm weglocken.

Der Spaziergang nach dem Znacht. Zehn Minuten durchs Quartier, beleuchtete Fenster anschauen. In der Adventszeit sowieso.

Woche: Fixpunkte setzen

Neben dem Tagesrhythmus helfen Rituale, die sich wöchentlich wiederholen. Sie geben den Wochen ein Gesicht, die sich im Winter sonst schnell gleich anfühlen.

  • Sonntagssuppe: Ein grosser Topf, der für die halbe Woche reicht.
  • Donnerstagstelefon: Jede Woche dieselbe Freundin, dieselbe Zeit.
  • Samstagmorgen auf dem Markt: Auch im Winter gibt es Wurzelgemüse, Äpfel, Käse und ein paar Menschen, mit denen du kurz plauderst.
  • Ein Abend ohne Plan: Bewusst nichts abmachen, nichts erledigen. Das ist kein leerer Abend, sondern ein geschützter.

Dankbarkeit, aber ohne Kitsch

Dankbarkeitsübungen haben einen schwierigen Ruf. Zwischen Tassen mit «Grateful»-Aufschrift und dem Druck, ständig positiv zu sein, kann das Thema schnell nach Pflicht klingen. Und an einem grauen Dienstag im November drei Dinge aufzuschreiben, für die man dankbar ist, kann sich geradezu verlogen anfühlen.

Es geht auch anders. Statt «Wofür bin ich dankbar?» helfen konkretere, ehrlichere Fragen:

  • Was hat heute funktioniert? Der Zug war pünktlich. Die Sitzung war kürzer als befürchtet.
  • Wer hat mir heute etwas erleichtert? Die Kollegin, die den Drucker geflickt hat. Der Nachbar, der das Paket angenommen hat.
  • Was habe ich heute gesehen, gerochen, geschmeckt? Der Nebel über dem See. Die Marroni am Bahnhof.

Schreib eine Zeile auf, nicht drei. Und erlaube dir Tage, an denen die Antwort «nichts Besonderes» ist. Dankbarkeit, die nicht schönfärben muss, ist belastbarer.

Eine schöne Variante für zwei oder mehr: Am Ende einer Woche erzählt jede am Tisch einen Moment, der gut war. Keine Bewertung, keine Diskussion. Das funktioniert in der WG, in der Familie, auch mit Kindern.

Rituale mit anderen

Der Winter ist auch eine Zeit, in der Menschen sich zurückziehen. Gemeinsame Rituale halten Verbindungen warm:

  • Ein Fonduetermin, der jedes Jahr mit denselben Leuten stattfindet
  • Ein Adventsfenster im Quartier, an dem du dich beteiligst oder das du besuchst
  • Gemeinsames Guetzlibacken mit Freundinnen, auch wenn niemand Mailänderli ausstechen will
  • Ein Lesekreis für die langen Monate, mit nur zwei, drei Büchern bis zum Frühling

Wenn Rituale zur Pflicht werden

Ein Ritual, das du nur noch abhakst, hat seinen Zweck verloren. Das passiert schneller, als man denkt: Die Kerze wird zur Aufgabe, das Dankbarkeitsheft zum schlechten Gewissen, wenn es eine Woche liegen bleibt. Dann lohnt es sich, kurz innezuhalten.

Frag dich: Tut mir das noch gut, oder halte ich nur daran fest, weil ich es mir vorgenommen habe? Rituale dürfen sich verändern. Aus dem täglichen Spaziergang wird vielleicht ein wöchentlicher, aus dem Abendbuch ein Hörbuch beim Kochen. Und manche Rituale gehören einfach zu einer bestimmten Lebensphase und dürfen dann wieder gehen. Entscheidend ist nicht die Treue zur Regel, sondern das Gefühl, dass der Winter auch dir gehört.

Fazit

Rituale verändern das Wetter nicht. Aber sie geben dir ein Gefühl von Rhythmus in einer Zeit, in der der Tag oft nur aus Arbeit und Dunkelheit zu bestehen scheint. Fang mit einem einzigen an, einem kleinen. Wenn es nach drei Wochen noch da ist, gehört es dir. Und wenn nicht, war es einen Versuch wert – der Winter ist lang genug für einen zweiten.