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Leben

WG mit über dreissig: Rückschritt oder ziemlich kluge Wahl?

Immer mehr Erwachsene leben auch jenseits der Studienzeit in Wohngemeinschaften. Was gut funktioniert, was nervt und wie das Zusammenleben gelingt.

Jana Meier 14. April 2026 5 Min.
Gruppe von Erwachsenen kocht gemeinsam in einer Küche, vorne eine Frau, die Gemüse in der Pfanne brät

Foto: Sweet Life auf Unsplash

Als Sarah mit 38 in eine WG zog, sagte ihre Mutter am Telefon nur: «Ah. Und das ist… vorübergehend?» Sarah musste lachen. Sie hatte gerade eine Trennung hinter sich, eine 2,5-Zimmer-Wohnung in Zürich war für eine Person unbezahlbar geworden, und die Idee, abends allein in einer Neubauwohnung zu sitzen, fühlte sich nicht nach Freiheit an. Also zog sie zu zwei Frauen und einem Mann in eine Altbauwohnung mit knarrendem Parkett. Drei Jahre später lebt sie immer noch dort. Nicht vorübergehend, sondern weil es passt.

Die Wohngemeinschaft gilt hierzulande immer noch als Lebensform für Studierende. Doch die Realität hat sich verschoben. In den Schweizer Städten ist Wohnraum knapp, die Leerwohnungsziffer ist laut Bundesamt für Statistik 2026 landesweit unter ein Prozent gefallen. Gleichzeitig leben viele Menschen heute in Lebensformen, für die der klassische Wohnungsmarkt nicht gebaut ist: Singles mit Ende dreissig, Getrennte, Menschen ohne Kinder, Pendlerinnen. Für sie kann eine WG mehr sein als eine Notlösung.

Was eine Erwachsenen-WG anders macht

Eine WG mit 35 ist nicht dieselbe wie mit 22. Und das ist gut so. Die meisten Menschen in diesem Alter wissen ziemlich genau, wie sie leben wollen: wann sie Ruhe brauchen, wie sauber die Küche sein muss, ob sie am Sonntagmorgen Gesellschaft mögen oder lieber allein Zeitung lesen. Das macht das Zusammenleben einerseits einfacher, weil man sich besser kennt. Andererseits sind die Gewohnheiten auch fester.

Typisch für Erwachsenen-WGs:

  • Mehr Rückzug, weniger Party. Die gemeinsamen Abende sind oft verabredet, nicht spontan.
  • Unterschiedliche Lebensrhythmen. Jemand arbeitet Schicht, jemand im Homeoffice, jemand ist jedes zweite Wochenende bei den Kindern.
  • Eigene Möbel, eigene Ansprüche. Wer schon einmal allein gewohnt hat, bringt ein Sofa mit, an dem sie hängt.
  • Klarere Kommunikation. Im besten Fall. Erwachsene sagen eher, was sie stört – oder sie schweigen sehr lange und explodieren dann.

Die guten Seiten, ganz konkret

Natürlich ist die Miete ein Argument. Eine grössere Wohnung zu teilen, ist in den meisten Städten günstiger, als allein eine kleine zu mieten. Aber wer länger in einer guten WG lebt, nennt meistens andere Dinge zuerst:

  • Jemand ist da. Nicht immer, nicht aufdringlich. Aber wenn du krank bist, bringt dir jemand Tee. Wenn du einen schlechten Tag hattest, steht jemand in der Küche.
  • Geteilte Infrastruktur. Eine grosse Küche, ein Balkon, eine Waschmaschine, die nicht im Keller mit Waschplan steht. Und nicht jede braucht einen eigenen Staubsauger.
  • Gemeinsame Rituale. Der Znacht am Mittwoch, der Kalender an der Kühlschranktür, das Adventsfenster im Treppenhaus.
  • Ein grösserer Horizont. Mit Menschen zu leben, die andere Berufe, Herkünfte oder Lebensentwürfe haben, erweitert den Alltag auf eine Weise, die Freundschaften allein selten schaffen.

Und die ehrlichen Schattenseiten

Es wäre unredlich, nur die Altbauromantik zu zeigen. Typische Reibungsflächen:

  • Weniger Kontrolle. Du kannst nicht einfach die Wände streichen oder das Wohnzimmer umräumen.
  • Besuch und Beziehungen. Wie oft darf die Partnerin des Mitbewohners übernachten, bevor sie faktisch mitwohnt? Wie fühlt es sich an, ein Date nach Hause zu bringen?
  • Lärm und Gerüche. Der Klassiker – und mit dreissig plus nicht weniger nervig.
  • Wechsel. Wenn jemand auszieht, verändert sich das ganze Gefüge. Die Suche nach einer neuen Person ist aufwendig und kann Spannungen auslösen.
  • Mietrechtliche Fragen. Wer steht im Mietvertrag? Wer haftet, wenn jemand nicht zahlt? Hier lohnt es sich, genau hinzuschauen.

Gerade beim letzten Punkt: Ob du Hauptmieterin, Mitmieterin oder Untermieterin bist, hat Folgen für deine Rechte und Pflichten. Informier dich vor dem Einzug beim Mieterinnen- und Mieterverband oder bei einer Rechtsberatung, statt dich auf mündliche Abmachungen zu verlassen.

So funktioniert das Zusammenleben

WGs scheitern selten am grossen Streit, sondern an tausend kleinen Dingen, die nie ausgesprochen wurden. Was hilft:

  1. Ein ehrliches Kennenlernen. Beim WG-Casting nicht nur nett sein, sondern konkret fragen: Wie oft hast du Besuch? Wie sieht für dich eine saubere Küche aus? Arbeitest du von zu Hause? Was machst du, wenn dich etwas stört?
  2. Klare Regeln für das Geld. Gemeinsame Kasse für Putzmittel, WC-Papier und Grundnahrungsmittel – oder nicht? Eine einfache App oder eine Liste reicht. Wichtig ist, dass es transparent ist.
  3. Ein Putzplan, der realistisch ist. Lieber ein einfacher Plan, der eingehalten wird, als ein ausgeklügeltes System, an das sich niemand hält. Manche WGs teilen sich auch eine Reinigungskraft.
  4. Regelmässige WG-Sitzungen. Klingt nach Studienzeit, ist aber Gold wert. Einmal im Monat zusammensitzen, kurz besprechen, was läuft und was nicht. Mit Essen dazu.
  5. Eigene Räume respektieren. Zimmer sind privat. Auch die Zeit ist es: Nicht jede Begegnung in der Küche muss ein Gespräch werden.
  6. Den Auszug mitdenken. Wie lange ist die Kündigungsfrist untereinander? Wer sucht die Nachfolge? Das am Anfang zu klären, erspart später viel Ärger.

Neue Formen: von Cluster bis Generationenwohnen

Wer eine klassische WG zu eng findet, hat in der Schweiz zunehmend Alternativen. Viele Wohnbaugenossenschaften bauen sogenannte Clusterwohnungen: kleine private Einheiten mit eigenem Bad und manchmal einer Kochnische, verbunden durch grosszügige Gemeinschaftsräume. Daneben gibt es Projekte für generationenübergreifendes Wohnen, Hausgemeinschaften mit gemeinsamen Gästezimmern oder Werkstätten und kommerzielle Co-Living-Angebote mit möblierten Zimmern.

Nicht alles davon ist leicht zu bekommen – Genossenschaftswohnungen sind gefragt, die Wartelisten oft lang. Trotzdem lohnt es sich, die Augen offen zu halten und sich bei Genossenschaften in deiner Region zu informieren, wie die Vergabe funktioniert.

Ist eine WG etwas für dich? Ein kurzer Selbstcheck

  • Kannst du gut sagen, wenn dich etwas stört – freundlich, aber klar?
  • Hältst du es aus, wenn nicht alles nach deinen Vorstellungen läuft?
  • Hast du Lust auf Menschen in deinem Alltag, auch wenn du sie dir nicht ausgesucht hättest wie Freundinnen?
  • Weisst du, wohin du dich zurückziehen kannst, wenn es dir zu viel wird?

Wenn du die meisten Fragen mit Ja beantwortest, stehen die Chancen gut.

Fazit

Eine WG mit über dreissig ist weder ein Scheitern noch ein Lifestyle-Statement. Sie ist eine Wohnform unter vielen – mit eigenen Vorteilen und eigenen Zumutungen. In Zeiten knapper Wohnungen und vielfältiger Lebensentwürfe lohnt es sich, sie ohne Vorurteile anzuschauen. Entscheidend ist nicht dein Alter, sondern ob die Menschen, mit denen du die Küche teilst, mit dir reden können. Und ob ihr euch einigt, wer den Kühlschrank putzt.