Bürokleidung, wenn es keinen Dresscode mehr gibt
Hybrid arbeiten, Homeoffice, Kundentermin am Donnerstag – wie du eine Arbeitsgarderobe baust, die ohne Regeln trotzdem funktioniert.
Foto: Laura Chouette auf Unsplash
Früher war es einfach, zumindest auf eine unangenehme Art: Es gab eine Kleiderordnung, man hielt sich daran, fertig. Heute arbeiten viele von uns an zwei oder drei Tagen im Büro, den Rest zu Hause, dazwischen ein Videocall mit der Geschäftsleitung und am Donnerstag ein Kundentermin in Basel. Niemand sagt dir, was du anziehen sollst. Das klingt nach Freiheit, fühlt sich am Morgen um sieben aber oft nach Überforderung an.
Ich habe in den letzten Monaten mit Kolleginnen aus Agenturen, Verwaltungen, Spitälern und Kanzleien gesprochen, und alle beschreiben dasselbe Problem: Die alte Bürogarderobe passt nicht mehr, die Homeoffice-Garderobe ist zu bequem fürs Büro. Was fehlt, ist die Mitte.
Das eigentliche Problem: zu viele Entscheidungen
Ein Dresscode ist im Grunde eine Entscheidung, die dir jemand abnimmt. Fällt er weg, musst du jeden Tag neu abwägen: Wer ist heute im Büro? Gibt es ein Meeting mit Kamera? Wie warm ist es im Sitzungszimmer? Muss ich danach noch zur Kita?
Die Lösung ist nicht, dir selbst einen strengen Dresscode zu verordnen. Sondern ein paar wenige Formeln, auf die du ohne Nachdenken zurückgreifen kannst. Formeln, die du je nach Tag ein bisschen hoch- oder runterstufen kannst.
Drei Stufen statt zwei Garderoben
Statt «Büro» und «Zuhause» denke ich lieber in drei Stufen:
Stufe 1: Homeoffice mit Kamera. Oben ordentlich, unten bequem, aber nicht im Pyjama. Ein feiner Strickpullover oder eine Bluse, dazu eine weiche Hose, in der du auch kurz zur Post gehen würdest. Wer sich zu Hause zumindest «halb» anzieht, findet leichter in den Arbeitsmodus, das berichten viele.
Stufe 2: Normaler Bürotag. Gepflegt, aber nicht förmlich. Gute Hose oder Jupe, Strick oder Shirt, saubere Sneaker oder Loafer. Das ist der Bereich, in dem du die meiste Zeit verbringst, und hier lohnt es sich, in Qualität zu investieren.
Stufe 3: Kundentermin, Präsentation, Vorstellungsgespräch. Hier kommt ein strukturiertes Teil dazu, meist ein Blazer, und die Schuhe werden etwas formeller.
Der Trick: Möglichst viele Teile sollten in zwei Stufen funktionieren. Eine gute Wollhose ist Stufe 2 mit Pullover und Stufe 3 mit Blazer. Ein feiner Merinopullover ist Stufe 1 und Stufe 2.
Die Uniform-Idee, aber weicher
Manche Frauen schwören auf eine echte Arbeitsuniform: immer dieselbe Hose, immer dasselbe Oberteil in verschiedenen Farben. Das funktioniert erstaunlich gut, wenn du Entscheidungsmüdigkeit am Morgen hasst.
Wenn dir das zu streng ist, probier eine «Uniform-Silhouette». Du legst nicht die Teile fest, sondern die Form. Zum Beispiel:
- weite Hose + schmales Oberteil + flache Schuhe
- gerader Jupe + lockerer Pullover + Stiefel
- Kleid + Strickjacke + Loafer
Innerhalb dieser Form kannst du Farben und Materialien variieren. Du siehst jeden Tag ein bisschen anders aus, aber immer nach dir, und du musst nicht jeden Morgen bei null anfangen.
Der Blazer ist zurück, aber anders
Blazer mit betonten Schultern, taillierte Jacken und Anzüge tauchen in den Kollektionen wieder vermehrt auf. Für den Büroalltag heisst das nicht, dass du dich in ein steifes Kostüm zwängen musst. Im Gegenteil: Der Blazer funktioniert heute vor allem als Überzieher, der jedes einfache Outfit sofort sortierter wirken lässt.
Worauf ich achten würde:
- Etwas lockerer geschnitten, damit ein Pullover darunter passt. So trägst du ihn von Oktober bis April.
- Ungefüttert oder halb gefüttert für Sommer und überheizte Büros.
- Eine neutrale Farbe, die zu deinen Hosen passt: Marine, Grau, Camel, Schwarz, Schokoladenbraun.
- Schultern, die zu deinen passen. Nicht die modischste Schulter ist die richtige, sondern die, in der du die Arme heben kannst.
Ein Blazer muss übrigens nicht mit passender Hose kommen. Zu Jeans, zu einem Strickkleid, zu einer weiten Leinenhose im Sommer: Er funktioniert fast überall.
Praktische Formeln für typische Tage
Hier ein paar Kombinationen, die bei mir und meinen Gesprächspartnerinnen immer wieder funktionieren:
Der Montag mit vielen Calls Feiner Rollkragen- oder Rundhalspullover in einer klaren Farbe, Ohrringe, die man auf dem Bildschirm sieht, dazu bequeme Hose. Kamera zeigt nur oben, aber du fühlst dich trotzdem angezogen.
Der Bürotag mit Velo hin und zurück Weite Hose aus einem Stoff, der nicht knittert, Shirt, Strickjacke, Sneaker. Den Blazer lässt du im Büro im Schrank, falls kurzfristig ein Termin reinkommt. Diesen «Notfall-Blazer» empfehle ich allen, die einen festen Arbeitsplatz oder ein Schliessfach haben.
Der Kundentermin Blazer und Hose im gleichen oder ähnlichen Ton, darunter ein schlichtes Shirt oder eine Bluse, Loafer oder Stiefeletten. Ein durchgehender Farbton wirkt sofort professionell, ohne dass du dich verkleidet fühlst.
Der Freitag mit Apéro danach Midirock oder Kleid mit Stiefeln, Strickjacke darüber. Für den Apéro ziehst du die Strickjacke aus und hast ein anderes Outfit.
Was du aussortieren kannst
Viele Bürogarderoben sind noch auf die Zeit vor dem Hybridmodell ausgerichtet. Ehrlich gefragt: Wie oft trägst du noch die enge Bundfaltenhose, die nur zu hohen Absätzen passt? Die Bluse, die nach jedem Tragen gebügelt werden muss?
Ein paar Signale, dass ein Teil nicht mehr zu deinem Arbeitsalltag passt:
- Es funktioniert nur mit genau einem anderen Teil.
- Du kannst darin nicht bequem eine Stunde sitzen.
- Es braucht so viel Pflege, dass du es meidest.
- Du fühlst dich darin wie in einer Rolle, nicht wie du selbst.
Das heisst nicht, dass du alles weggeben musst. Aber vielleicht gehört die Hälfte davon in den Kleidertausch und nicht mehr in den vordersten Bereich deines Schranks.
Fazit
Ohne Dresscode bist du nicht ohne Orientierung, du musst sie dir nur selbst bauen. Drei Stufen statt zwei Garderoben, eine Silhouette, die du immer wieder abwandelst, und ein Blazer, der aus jedem einfachen Outfit ein Büro-Outfit macht: Damit kommst du durch die meisten Wochen. Der Rest ist Ausprobieren. Und ja, auch das gehört dazu: Manchmal sitzt du im Kundentermin und merkst, dass du zu locker angezogen bist. Das ist kein Drama. Es ist eine Information für das nächste Mal.