Kleider mieten statt kaufen: Für wen es sich lohnt
Mietmode für Hochzeiten, Abo-Modelle für den Alltag und die ehrliche Frage nach der Ökobilanz – eine Einordnung ohne Verkaufsversprechen.
Foto: Adam Cheek auf Unsplash
Im vergangenen Sommer war ich an drei Hochzeiten eingeladen. Bei der ersten trug ich ein Kleid, das ich gekauft hatte, bei der zweiten dasselbe Kleid, bei der dritten hatte ich keine Lust mehr darauf. Eine Freundin schlug vor, ich solle doch eines mieten. Ich war skeptisch: Ist das nicht nur eine andere Form von Konsum, mit noch mehr Paketen und Lieferwagen?
Ich habe es ausprobiert, mit mehreren Leuten darüber gesprochen und mich in das Thema eingelesen. Die kurze Antwort: Mieten kann sinnvoll sein, aber nicht für alle und nicht für alles.
Wie Kleidermiete funktioniert
Grob gibt es zwei Modelle:
Einzelmiete für Anlässe. Du suchst dir online oder in einem Laden ein Kleid, einen Anzug oder ein Accessoire für ein bestimmtes Datum aus, bekommst es für ein paar Tage und schickst es zurück. Die Reinigung übernimmt der Anbieter. Das ist das klassische Modell für Hochzeiten, Bälle, Firmenfeste oder Fotoshootings.
Abo-Modelle für den Alltag. Du zahlst einen monatlichen Betrag und erhältst regelmässig eine Auswahl an Kleidungsstücken, die du tragen und dann gegen neue tauschen kannst. Manche Anbieter erlauben dir, ein Teil, das du liebst, zu einem reduzierten Preis zu kaufen.
Daneben gibt es Mischformen: Kostümverleihe, die inzwischen auch Abendmode haben, lokale Boutiquen, die einzelne Stücke vermieten, und Plattformen, auf denen Privatpersonen ihre Kleider an andere ausleihen.
Für wen sich Einzelmiete lohnt
Mieten für einen Anlass ist für mich das überzeugendste Modell. Es ergibt Sinn, wenn:
- du etwas brauchst, das du sonst nie trägst. Ein bodenlanges Abendkleid, ein Smoking-Anzug, ein auffälliges Kleid in einer Farbe, die du im Alltag nie wählen würdest.
- sich dein Körper gerade verändert. Während einer Schwangerschaft, nach einer Geburt, in einer Phase mit Gewichtsschwankungen: Hier ist Kaufen oft frustrierend.
- du eine Saison mit vielen Anlässen hast, aber nicht in jedem Jahr. Ein Sommer mit mehreren Hochzeiten ist ein typisches Beispiel.
- du bewusst etwas Besonderes tragen möchtest, ohne dass es danach ungenutzt im Schrank hängt.
Weniger sinnvoll ist Mieten, wenn du ein Kleid ohnehin oft tragen würdest. Dann ist ein gutes, vielleicht secondhand gekauftes Teil meist die bessere Wahl.
Und Abo-Modelle für den Alltag?
Hier bin ich zurückhaltender. Abo-Modelle versprechen eine ständig wechselnde Garderobe, ohne dass du besitzen musst. Für manche Menschen ist das genau richtig: für jemanden, der im Job viel Abwechslung braucht, gerne experimentiert und keinen Platz für einen grossen Kleiderschrank hat.
Aber ein paar Fragen solltest du dir vorher stellen:
- Willst du überhaupt ständig Neues? Wenn du eher der Typ für Lieblingsteile bist, wird ein Abo dich nicht glücklich machen.
- Wie viel kostet es im Jahr? Rechne den monatlichen Betrag mal zwölf und vergleiche das ehrlich mit dem, was du jetzt für Kleidung ausgibst.
- Was ist, wenn etwas kaputtgeht? Lies die Bedingungen zu Flecken, Schäden und Verspätungen genau.
- Wie gut passen die Teile? Bei Mietmode kannst du in der Regel nichts ändern lassen.
Ein Abo kann auch dazu führen, dass du mehr Kleidung «konsumierst», nur ohne sie zu besitzen. Das ist nicht automatisch nachhaltiger.
Die ehrliche Frage nach der Ökobilanz
Mieten klingt nachhaltig, weil ein Kleid von vielen Menschen getragen wird statt von einer. Das ist der grosse Vorteil: Ein Stück, das sonst nach einem Abend im Schrank verschwinden würde, wird genutzt.
Gleichzeitig gibt es Faktoren, die die Rechnung verschlechtern:
- Transport. Jedes Kleid wird hin- und hergeschickt, oft einzeln verpackt, manchmal mit Express-Lieferung.
- Reinigung. Nach jeder Miete wird professionell gereinigt, häufig chemisch. Das braucht Energie, Wasser und je nach Verfahren Lösungsmittel.
- Verpackung. Schachteln, Hüllen, Plastiksäcke, auch wenn viele Anbieter inzwischen Mehrwegverpackungen nutzen.
- Verschleiss. Mietkleidung wird intensiv genutzt und häufig gereinigt. Sie altert schneller.
Ob Mieten unterm Strich besser ist als Kaufen, hängt deshalb stark von deinem Verhalten ab. Wenn du ein Kleid mietest, statt eines zu kaufen, das du nur einmal tragen würdest, ist das wahrscheinlich die bessere Wahl. Wenn du mietest, statt ein Kleid, das du schon hast, noch einmal zu tragen, eher nicht.
Wer es noch genauer wissen will: Frag den Anbieter, wie gereinigt wird, wie die Kleider verschickt werden und was mit Stücken passiert, die nicht mehr vermietbar sind. Seriöse Anbieter haben darauf eine Antwort.
Die unterschätzte Alternative: Ausleihen im eigenen Umfeld
Bevor du ein Kleid mietest, schau dich in deinem Freundeskreis um. Viele von uns haben einen Schrank voll mit Anlasskleidung, die einmal getragen wurde. Eine Freundin mit ähnlicher Grösse ist die nachhaltigste Mietboutique, die es gibt.
Damit das gut funktioniert:
- Frag direkt und unkompliziert. Die meisten freuen sich, wenn ihr Kleid noch einmal ausgeführt wird.
- Vereinbart klar, was bei Flecken passiert. Lass es vor der Rückgabe reinigen, wenn es nötig ist.
- Gib es pünktlich und so zurück, wie du es bekommen hast.
- Biete im Gegenzug etwas an. Eine Tasche, einen Mantel, ein Paar Schuhe.
In manchen Freundeskreisen hat sich daraus eine kleine Tradition entwickelt: ein gemeinsamer Chat, in dem man Anlasskleidung anbietet und sucht. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch schön, weil Kleider Geschichten bekommen.
Was ich beim Mieten gelernt habe
Meine eigene Erfahrung, kurz zusammengefasst:
- Bestell früh. Für beliebte Anlassdaten im Sommer sind die schönsten Stücke schnell weg.
- Wähle, wenn möglich, zwei Grössen. Manche Anbieter ermöglichen das, und es lohnt sich.
- Probier sofort an. Nicht erst am Morgen des Anlasses.
- Plane die Schuhe und die Unterwäsche mit. Ein gemietetes Kleid mit Rückenausschnitt braucht den passenden BH.
- Lies die Rückgabebedingungen. Wann muss das Paket wo sein?
Fazit
Kleider mieten ist kein Allheilmittel, aber ein gutes Werkzeug. Für Anlässe, an denen du etwas Besonderes tragen möchtest, ist es oft vernünftiger als Kaufen, vor allem, wenn das gekaufte Teil sonst im Schrank verstauben würde. Für den Alltag bin ich skeptischer: Ein Abo ersetzt keine durchdachte Garderobe und kann das Konsumproblem einfach verlagern. Und die beste Mietboutique ist oft der Schrank einer Freundin. Frag sie einfach.