Neue Ware in den Ofen? Was das EU-Vernichtungsverbot bedeutet
Seit Juli 2026 dürfen grosse Unternehmen in der EU unverkaufte Kleidung grundsätzlich nicht mehr vernichten. Was das ändert, auch für uns in der Schweiz.
Foto: Jahanvi Singh auf Unsplash
Es gibt Bilder, die man nicht mehr loswird. Für mich ist es die Vorstellung von Kartons voller neuer Pullover, mit Etikett, nie getragen, die in eine Verbrennungsanlage gefahren werden, weil das billiger ist, als sie zu lagern oder anderweitig loszuwerden. Jahrelang wurde darüber berichtet, mal empört, mal achselzuckend. Seit dem 19. Juli 2026 ist zumindest in der EU ein Teil davon verboten.
Ich habe mich gefragt, was dieses Verbot tatsächlich bedeutet. Für die Branche, für die Schweiz, und für dich und mich, wenn wir vor dem nächsten Sale stehen.
Was seit Juli gilt
Grundlage ist die EU-Ökodesign-Verordnung, oft mit ihrem englischen Kürzel ESPR abgekürzt (Verordnung (EU) 2024/1781). Sie regelt vieles, von Anforderungen an langlebigere Produkte bis zu Informationspflichten. Ein Teil davon betrifft direkt die Mode: Grosse Unternehmen dürfen in der EU unverkaufte Kleidung, Bekleidungszubehör und Schuhe grundsätzlich nicht mehr vernichten.
Ein paar Punkte sind wichtig, damit man das Verbot richtig einordnet:
- Es gilt zuerst für grosse Unternehmen. Für mittlere Unternehmen soll die Regel später greifen, nach aktuellem Stand um 2030. Kleine und Kleinstunternehmen sind ausgenommen.
- Es gibt Ausnahmen. Ware, die beschädigt, verunreinigt oder aus Sicherheits- oder Gesundheitsgründen nicht mehr verkauft werden kann, darf weiterhin vernichtet werden. Die genauen Bedingungen und Nachweise sind in zusätzlichen Durchführungsregeln festgelegt.
- Es ist ein Grundsatzverbot, kein Wundermittel. Umweltorganisationen haben bereits darauf hingewiesen, dass die Ausnahmen Schlupflöcher öffnen könnten.
Das Verbot sagt also nicht: Ab jetzt landet keine neue Kleidung mehr im Abfall. Es sagt: Das Vernichten wird zur Ausnahme, die man begründen muss.
Und die Schweiz?
Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU, die Verordnung gilt hier nicht direkt. Ein Schweizer Laden, der seine Restposten entsorgt, verstösst damit nicht gegen EU-Recht.
Trotzdem ist das Thema für uns nicht weit weg. Viele Modeunternehmen, die in der Schweiz verkaufen, sind auch im EU-Markt aktiv, organisieren ihre Lager grenzüberschreitend und müssen ihre Abläufe ohnehin anpassen. Was in Deutschland, Frankreich oder Italien nicht mehr erlaubt ist, wird auch in der Logistik für den Schweizer Markt neu gedacht werden müssen.
Die Schweiz setzt bei Textilien bisher eher auf freiwillige Lösungen der Branche als auf ein verpflichtendes System. Eine Brancheninitiative namens Fabric Loop arbeitet daran, Sammlung, Sortierung und Wiederverwertung von Textilien besser zu organisieren. Ob und wann daraus verbindliche Regeln werden, ist offen. Die politische Diskussion läuft, und die Entwicklung in der EU wird sie ganz sicher beeinflussen.
Das eigentliche Problem heisst Überproduktion
So richtig das Verbot ist: Es setzt am Ende der Kette an. Kleidung, die vernichtet wird, ist zuerst einmal Kleidung, die zu viel produziert wurde.
Das Geschäftsmodell grosser Teile der Modeindustrie basiert darauf, schnell und in grossen Mengen zu produzieren, weil das pro Stück billiger ist. Was nicht verkauft wird, wird reduziert, in Outlets verschoben, exportiert oder eben entsorgt. Wenn das Entsorgen schwieriger wird, gibt es grob drei Möglichkeiten:
- Weniger produzieren und genauer planen. Das wäre die wünschenswerte Variante.
- Mehr und stärker reduzieren, damit die Ware irgendwie verkauft wird. Das kann dazu führen, dass noch mehr Kleidung zu Preisen auf den Markt kommt, die zum Wegwerfen einladen.
- Die Ware anders loswerden, etwa durch Spenden, Export oder Recycling. Je nachdem, wie gut das funktioniert, verschiebt sich das Problem nur.
Welcher Weg sich durchsetzt, hängt auch davon ab, wie wir als Kundinnen reagieren.
Was das mit dir zu tun hat
Man kann sich fragen, ob ein einzelner Einkauf überhaupt eine Rolle spielt. Ich glaube: Ja, aber anders, als oft behauptet wird. Es geht nicht darum, mit perfektem Konsum die Welt zu retten. Es geht darum, ein Geschäftsmodell nicht ständig mit Nachfrage zu füttern, das auf Überschuss ausgelegt ist.
Ein paar Gedanken, die mir helfen:
- Ein Sale ist kein Grund. Wenn ein Teil von 80 auf 25 Franken reduziert ist, ist die Frage nicht, wie viel du sparst, sondern ob du es auch zum vollen Preis gewollt hättest.
- Weniger Bestellungen zur Auswahl. Wer drei Grössen bestellt, um zwei zurückzuschicken, erzeugt Retouren, die nicht immer wieder in den Verkauf gehen. Miss lieber nach und lies die Masstabellen.
- Gebraucht zuerst. Brockenhäuser, Secondhand-Läden und Tauschbörsen sind voll mit guter Kleidung. Jedes Teil, das dort ein zweites Leben bekommt, ist eines, das nicht neu produziert werden muss.
- Pflegen und reparieren. Ein Pullover, der fünf Jahre statt zwei hält, ist der direkteste Beitrag gegen Überproduktion.
- Nachfragen. Du darfst im Laden oder per Mail fragen, was mit unverkaufter Ware passiert. Nicht jede Antwort wird befriedigend sein, aber die Frage zeigt, dass es Kundinnen interessiert.
Was ich mir wünsche
Das Vernichtungsverbot ist ein Signal: Neue, brauchbare Kleidung ist kein Abfall. Dass diese Selbstverständlichkeit überhaupt in ein Gesetz geschrieben werden muss, sagt viel über die Branche aus.
Ich wünsche mir, dass es nicht bei diesem Signal bleibt. Dass Unternehmen wirklich weniger und besser produzieren, statt nur neue Wege zu finden, Überschüsse loszuwerden. Dass die Schweiz bei der Kreislaufwirtschaft nicht nur auf freiwillige Lösungen hofft, sondern genau hinschaut, ob sie funktionieren. Und dass wir als Kundinnen ehrlich mit unseren eigenen Gewohnheiten sind, ohne uns dabei in Schuldgefühlen zu verlieren.
Fazit
Das EU-Verbot, unverkaufte Kleidung zu vernichten, ist ein echter Fortschritt, aber kein Endpunkt. Es betrifft vorerst nur grosse Unternehmen, es hat Ausnahmen, und in der Schweiz gilt es nicht direkt. Seine eigentliche Wirkung wird sich daran zeigen, ob die Industrie weniger produziert oder nur anders entsorgt. Für dich heisst das: Kauf das, was du wirklich trägst, gib gebrauchter Kleidung eine Chance und pflege, was du hast. Das klingt unspektakulär. Es ist aber genau das, was gegen Überschuss hilft.