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Mode

Wolle und Cashmere richtig pflegen

Lüften statt waschen, liegend trocknen, Motten vorbeugen – so bleiben deine Pullover viele Winter lang schön.

Nora Keller 08. Januar 2026 6 Min.

Mein liebster Pullover ist ein dunkelblauer Lammwollpulli, den ich vor bald zehn Jahren gekauft habe. Er hat zwei gestopfte Stellen am Ellbogen, ist an den Bündchen etwas weicher geworden und sieht trotzdem besser aus als manches Teil, das ich letzten Herbst neu gekauft habe. Das liegt nicht an Glück, sondern an ein paar einfachen Gewohnheiten. Wolle und Cashmere sind keine heiklen Diven, sie wollen nur anders behandelt werden als ein Baumwoll-T-Shirt.

Gerade jetzt, im Januar, tragen wir unsere Strickteile fast täglich. Darum lohnt es sich, die Pflege einmal sauber aufzuschlüsseln: was du tun kannst, was du lassen solltest und wie du deine Lieblingsstücke durch den Sommer bringst.

Lüften ist die halbe Wäsche

Wolle hat eine Eigenschaft, die man ihr kaum glaubt, bis man es selbst ausprobiert: Sie reinigt sich zu einem guten Teil selbst. Die Fasern nehmen Gerüche auf, geben sie an der frischen Luft aber auch wieder ab. Ein Pullover, den du einen Tag im Büro getragen hast, braucht in den allermeisten Fällen keine Waschmaschine, sondern eine Nacht auf dem Balkon oder am offenen Fenster.

So machst du es richtig:

  • Über eine Stuhllehne oder einen breiten Bügel hängen, nicht an einen dünnen Drahtbügel, der Beulen in die Schultern drückt.
  • Nicht in die pralle Sonne, die Farben bleichen sonst aus.
  • Kalte, feuchte Winterluft ist ideal. Ein Abend auf dem Balkon bei Nebel tut einem Pulli erstaunlich gut.
  • Zwischen den Tragetagen pausieren lassen. Wenn du denselben Pullover nicht zwei Tage hintereinander trägst, kann er sich erholen und seine Form zurückgewinnen.

Als Faustregel: Ein Wollpullover, den du über einem Shirt trägst, muss je nach Nutzung nur wenige Male pro Saison gewaschen werden. Flecken behandelst du punktuell, mit etwas lauwarmem Wasser und einem Tropfen Wollwaschmittel.

Waschen: von Hand oder im Wollprogramm

Irgendwann ist trotzdem Waschtag. Die grösste Gefahr dabei ist nicht das Wasser, sondern die Kombination aus Wärme, Bewegung und Temperaturschock. Genau das lässt Wolle verfilzen und einlaufen.

Handwäsche

  1. Ein Becken oder das Lavabo mit lauwarmem Wasser füllen, etwa so warm wie Badewasser für ein Kleinkind, also eher kühl als warm.
  2. Ein Wollwaschmittel oder ein mildes Haarshampoo einrühren. Normales Vollwaschmittel enthält oft Enzyme, die Eiweissfasern wie Wolle und Cashmere angreifen können.
  3. Den Pullover hineinlegen und sanft untertauchen. Nicht reiben, nicht kneten, nicht wringen. Zehn Minuten einweichen lassen genügt.
  4. Mit Wasser in derselben Temperatur ausspülen. Ein plötzlicher Wechsel von warm zu kalt ist ein typischer Grund für Verfilzung.
  5. Wasser vorsichtig herausdrücken, das Teil dabei als Bündel in den Händen halten.

Maschine

Viele Waschmaschinen haben ein Wollprogramm, das tatsächlich gut funktioniert, weil die Trommel kaum bewegt wird. Achte auf drei Dinge: niedrige Temperatur, wenig Schleudertouren und ein Wäschenetz. Und lies das Pflegeetikett. Steht dort ein durchgestrichenes Waschbecken, ist das ein Hinweis, den du ernst nehmen solltest. Steht dort nur «Handwäsche», trauen sich viele trotzdem an das Wollprogramm. Das kann gut gehen, ist aber dein eigenes Risiko.

Weichspüler brauchst du nicht. Wolle ist von Natur aus weich, und Weichspüler kann die Fasern beschweren.

Trocknen: liegend und geduldig

Hier passieren die meisten Unfälle. Ein nasser Wollpullover ist schwer, und wenn du ihn aufhängst, zieht ihn das eigene Gewicht in die Länge. Nach dem Trocknen hast du dann ein Kleid mit zu langen Ärmeln.

  • Ausrollen im Frottiertuch: Lege den Pullover flach auf ein grosses Badetuch, rolle beides zusammen wie eine Roulade und drücke darauf. So zieht das Tuch einen Grossteil des Wassers heraus.
  • Flach auslegen: Auf einem frischen, trockenen Tuch oder auf einem Wäscheständer mit Netzfläche. Bring das Teil dabei in Form, zupf Schultern, Bündchen und Saum zurecht.
  • Weg von der Heizung: Direkte Hitze macht die Fasern spröde und kann das Teil schrumpfen lassen. Ein normal geheizter Raum reicht völlig.
  • Wenden: Nach einem halben Tag einmal umdrehen, damit auch die Unterseite trocknet.

Der Tumbler ist für Wolle und Cashmere tabu, ausser das Etikett erlaubt ihn ausdrücklich.

Pilling: Knötchen sind kein Qualitätsurteil

Fast jedes Strickteil bildet irgendwann kleine Knötchen, vor allem unter den Armen, an der Seite, wo die Tasche scheuert, oder an den Ärmeln. Das passiert, wenn kurze Fasern sich aus dem Garn lösen und zu Kügelchen verdrehen. Gerade weiche, locker gestrickte Teile neigen dazu. Pilling ist also nicht automatisch ein Zeichen schlechter Qualität, auch wenn sehr starkes Pilling nach wenigen Malen Tragen durchaus auf kurze Fasern hinweisen kann.

Was hilft:

  • Ein Kaschmirkamm oder ein Fusselrasierer. Beides entfernt die Knötchen, wenn du sanft und in eine Richtung arbeitest. Den Pullover dafür flach auf einen Tisch legen.
  • Nicht zu oft. Jedes Entfernen nimmt ein wenig Material weg. Lieber alle paar Wochen gründlich als jeden Tag ein bisschen.
  • Reibung reduzieren. Eine Umhängetasche mit rauem Riemen ist der natürliche Feind jedes Cashmerepullovers. Wenn du merkst, dass immer dieselbe Stelle leidet, wechsle die Tragseite.

Oft lässt das Pilling nach den ersten Wäschen nach, weil die losen Fasern dann weg sind.

Motten: vorbeugen statt verzweifeln

Kleidermotten sind keine Strafe für Unordnung, aber sie lieben bestimmte Bedingungen: dunkle, ruhige Ecken, Wolle und Cashmere und vor allem Teile, die getragen und nicht gewaschen wurden. Hautschuppen und Körperfett machen die Fasern für die Larven noch attraktiver.

So hältst du sie fern:

  1. Nur saubere Teile einlagern. Was länger als ein paar Wochen im Schrank liegt, sollte vorher gewaschen oder zumindest gut gelüftet sein.
  2. Bewegung in den Schrank bringen. Regelmässig hineinschauen, Teile herausnehmen, ausschütteln. Motten mögen keine Störung.
  3. Duftstoffe als Ergänzung. Zedernholz oder Lavendelsäckchen können helfen, ersetzen aber keine Sauberkeit. Der Duft lässt mit der Zeit nach, darum ab und zu auffrischen oder Zedernholz leicht anschleifen.
  4. Pheromonfallen zur Kontrolle. Sie zeigen dir, ob Motten unterwegs sind, lösen das Problem aber nicht allein.

Wenn du einen Befall entdeckst: Betroffene Teile in einem verschlossenen Beutel für einige Tage ins Tiefkühlfach legen, das wird häufig empfohlen, um Eier und Larven abzutöten. Danach waschen, den Schrank gründlich aussaugen und auswischen, auch Ritzen und Ecken.

Lagerung im Sommer

Im Mai, wenn die Pullover endgültig nicht mehr gebraucht werden, kommt der wichtigste Moment des Jahres für deine Strickteile.

  • Alles waschen oder lüften, bevor es verstaut wird.
  • Falten, nicht hängen. Auf Bügeln dehnen sich Schultern und Saum über die Monate aus.
  • Atmungsaktiv verpacken. Baumwollbeutel oder Boxen mit Stoffdeckel sind besser als luftdichte Plastiksäcke, in denen sich Feuchtigkeit sammeln kann.
  • Kühl und trocken. Ein Estrich, der im Sommer heiss wird, ist kein guter Ort. Ein Kellerabteil kann zu feucht sein. Ein Schrank in der Wohnung ist meist am besten.
  • Im Hochsommer einmal kontrollieren. Ein kurzer Blick reicht, um einen beginnenden Mottenbefall früh zu erkennen.

Löcher: kein Grund zum Aufgeben

Ein kleines Loch ist das Ende eines Pullovers nur, wenn du es so entscheidest. Stopfen ist eine Technik, die viele unserer Grossmütter noch beherrschten und die gerade wieder Freude macht.

  • Unsichtbar flicken: Mit passendem Garn und einer Stopfnadel kannst du das Loch mit einem kleinen Gitter aus Fäden schliessen. Ein Stopfei oder eine Glühbirne darunter hilft, die Form zu halten.
  • Sichtbar flicken: Mit kontrastierendem Garn wird die Reparatur zum Detail. Bei einem schlichten Pullover sieht das oft richtig gut aus.
  • Abgeben: Viele Änderungsschneidereien nehmen Strickreparaturen an, und in Repair Cafés findest du manchmal Leute, die dir zeigen, wie es geht.

Wichtig ist, schnell zu handeln. Ein kleines Loch wird bei jedem Tragen grösser, weil sich die Maschen weiter auflösen.

Fazit

Wolle und Cashmere verlangen weniger Arbeit, als ihr Ruf vermuten lässt. Lüften ersetzt die meisten Wäschen, liegend trocknen verhindert die meisten Katastrophen, und saubere Lagerung hält die Motten fern. Das Einzige, was du wirklich brauchst, ist etwas Geduld. Perfekt bleibt dabei kein Pullover, und das muss er auch nicht. Ein gestopfter Ellbogen erzählt mehr über guten Stil als ein makelloses Teil, das nach einer Saison aussortiert wird.