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Reisen

Goldener Herbst: Wandern im Tessin und im Wallis

Kastanienwälder, Lärchengold und Wasserleiten – warum der Herbst die beste Wanderzeit im Süden der Schweiz ist und wo du hingehen kannst.

Samira Rossi 08. September 2026 5 Min.

Der Boden knistert unter den Füssen, Kastanienschalen rollen den Weg hinunter, und irgendwo im Dorf unten steigt Rauch aus einem Kamin. Es ist Mitte Oktober im Tessin, die Luft ist klar, die Sonne wärmt noch, und auf der Terrasse eines Grotto stehen Teller mit Polenta. Ein paar Täler weiter, im Wallis, leuchten die Lärchen so gelb, dass man die Augen zusammenkneifen muss.

Wer im Sommer bei 30 Grad bergauf geschnauft hat, entdeckt im Herbst eine neue Lust am Wandern. Die Wege sind leerer, das Licht ist weicher, und die Farben machen jede Pause zum Ereignis. Hier ist dein Wegweiser für die Herbstsaison im Süden.

Warum der Herbst die beste Wanderzeit ist

Im September und Oktober ist das Wetter auf der Alpensüdseite und im Wallis oft stabil. Föhnlagen bringen Fernsicht, Nebel bleibt im Mittelland hängen, während du in der Sonne läufst. Die Temperaturen sind angenehm für längere Aufstiege, die Hitze des Sommers ist vorbei.

Dazu kommt das kulinarische Programm: Im Tessin beginnt die Kastanienzeit, im Wallis wird Wein gelesen, und viele Dörfer feiern Erntedank mit Märkten und Festen. Der Herbst ist hier nicht das Ende der Saison, sondern ihr Höhepunkt.

Ein Nachteil: Die Tage sind kürzer. Ab Mitte Oktober wird es zwischen 18 und 19 Uhr dunkel, in engen Tälern früher. Plane deine Touren so, dass du bei Tageslicht zurück bist, und vergiss die Stirnlampe nicht.

Tessin: Kastanien, Grotti und Steindörfer

Kastanienwege im Malcantone. Westlich von Lugano zieht sich ein Netz von Wegen durch alte Kastanienselven, vorbei an Dörfern mit engen Gassen. Die Wege sind meist gut ausgeschildert und eignen sich für gemütliche Halbtageswanderungen.

Valle Maggia und Val Bavona. Die Steinhäuser im Val Bavona wirken, als hätte jemand sie zwischen die Felsbrocken gestreut. Im Herbst leuchten die Bäume vor dem grauen Granit. Ein Spaziergang entlang des Flusses von Dorf zu Dorf ist auch ohne grosse Kondition möglich.

Valle Verzasca. Berühmt für das smaragdgrüne Wasser und die doppelbogige Brücke bei Lavertezzo. Im Sommer überlaufen, im Herbst ruhig. Der Sentierone, ein Wanderweg dem Fluss entlang, lässt sich in Etappen begehen und mit dem Postauto kombinieren.

Monte San Giorgio. Der Berg im Südtessin gehört wegen seiner Fossilienfunde zum UNESCO-Welterbe. Wanderwege führen durch Wald zu Aussichtspunkten über dem Luganersee.

Valle di Muggio. Das südlichste Tal der Schweiz ist ein Geheimtipp für alle, die Ruhe suchen: kleine Dörfer, alte Schneekeller, Kastanien und kaum Verkehr.

Wallis: Lärchen und Suonen

Im Wallis heissen sie Suonen oder Bisses: jahrhundertealte Wasserleiten, die Gletscherwasser zu Wiesen und Rebbergen führen. Die Wege entlang dieser Kanäle sind oft fast flach und damit ideal für alle, die Aussicht ohne grosse Steigung wollen.

  • Rund um Crans-Montana gibt es mehrere Bisses, darunter Abschnitte mit spektakulär an den Fels gebauten Holzstegen. Nicht für Menschen mit Höhenangst.
  • Im Raum Savièse und Sion verlaufen Suonen durch Wald und Rebberg, mit Blick ins Rhonetal.
  • Im Oberwallis, etwa rund um Ausserberg und Visp, führen Suonenwege an steilen Südhängen entlang.

Für das Lärchengold lohnen sich Ende Oktober Ziele wie das Lötschental, die Region rund um den Aletschgletscher oder die Seitentäler bei Zermatt. Die Lärchen werden von oben nach unten gelb, je nach Höhe und Jahr unterschiedlich früh. Webcams der Tourismusbüros helfen bei der Planung.

Anreise und Logistik

Dank Gotthard- und Lötschberg-Basistunnel sind sowohl Tessin als auch Wallis ab Zürich, Bern und Basel in rund zwei bis drei Stunden erreichbar. Viele Ausgangspunkte sind mit Postauto oder Regionalbahn gut erschlossen.

Ein paar praktische Punkte:

  • Saisonende beachten. Viele Bergbahnen und Postautolinien in höheren Lagen stellen Mitte bis Ende Oktober auf Winterfahrplan um oder schliessen ganz. Prüfe Fahrpläne und Betriebszeiten vor der Tour.
  • Hütten und Grotti schliessen teilweise ebenfalls nach den Herbstferien. Ein Picknick im Rucksack ist nie verkehrt.
  • Halbtax und Sparbillette machen die Anreise günstiger. Für spontane Wetterfenster lohnen sich Spartageskarten, die du am Vorabend buchen kannst.

Was in den Rucksack gehört

Herbstwetter in den Bergen ist wechselhaft. Morgens Reif, mittags T-Shirt, abends Nebel – alles an einem Tag.

  • Zwiebelprinzip: Funktionsshirt, Fleece, wind- und wasserdichte Jacke
  • Mütze und dünne Handschuhe, vor allem für Touren über 1500 Meter
  • Wanderschuhe mit gutem Profil, denn nasses Laub und Kastanienschalen sind rutschig
  • Stirnlampe für den Fall, dass es länger dauert
  • Thermosflasche mit Tee
  • Karte oder Offline-App, weil der Empfang in Seitentälern fehlen kann

Allein unterwegs?

Viele der genannten Wege eignen sich gut für Soloausflüge, weil sie gut markiert und nicht zu abgelegen sind. Trotzdem gilt: Teile deine Route mit jemandem, bleib auf markierten Wegen und kehre um, wenn das Wetter umschlägt. Suonenwege sind teilweise ausgesetzt – wenn du unsicher bist, wähle die als leicht markierten Abschnitte.

Ein Wochenende im Tessiner Herbst

Wer zwei Tage hat, kann Wandern und Genuss gut verbinden. Ein Vorschlag:

Samstag: Früh mit dem Zug nach Locarno. Von dort mit dem Postauto ins Valle Maggia und eine gemütliche Talwanderung von Dorf zu Dorf, mit Picknick am Fluss. Am Nachmittag zurück nach Locarno, Spaziergang an der Seepromenade, Abendessen mit Risotto oder Polenta.

Sonntag: Mit der Centovallibahn ein paar Stationen ins Tal der hundert Täler, eine Wanderung durch Kastanienwälder und Steindörfer, dann zurück und mit dem Zug nach Hause.

Im Wallis funktioniert ein ähnlicher Plan: Samstag eine Suonenwanderung oberhalb von Sion, mit Einkehr in einem Dorf. Sonntag früh hoch in ein Seitental, wo die Lärchen leuchten, und am Nachmittag auf der Rückreise ein Halt in einem Weinkeller im Tal – viele Kellereien bieten Degustationen an, oft nach Voranmeldung.

Kastanien, Wein und Feste

Der Herbst ist im Süden auch Festzeit. In vielen Tessiner Orten finden im Oktober Kastanienfeste statt, bei denen auf grossen Pfannen Marroni geröstet werden. Im Wallis feiern Dörfer die Weinlese, und in manchen Regionen beginnt die Zeit der Raclette-Abende.

Die Daten wechseln jedes Jahr. Schau auf den Seiten der regionalen Tourismusbüros nach, was gerade läuft, und plane deine Wanderung so, dass du am Nachmittag noch ein Fest mitnimmst. Nach einem langen Tag in den Bergen schmeckt eine Tüte heisser Marroni besonders gut.

Fazit

Der Herbst im Tessin und im Wallis ist ein Geschenk: weniger Menschen, mehr Farben, stabiles Wetter und ein Teller Kastanien am Ende des Tages. Plane kürzere Touren als im Sommer, prüfe Saisonzeiten von Bahnen und Bussen und nimm warme Kleidung mit. Dann wird jede Wanderung zu einem kleinen Fest – egal, ob du durch Kastanienwälder streifst oder einer Wasserleite durch das Lärchengold folgst.