Eisbaden: Kaltwasserschwimmen in der Schweiz
Immer mehr Frauen steigen im Winter in Seen und Flüsse. Was das kalte Wasser mit dir macht, wie du sicher anfängst und wo es sich lohnt.
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Sieben Uhr morgens am Seeufer. Das Thermometer zeigt drei Grad Lufttemperatur, das Wasser hat vielleicht fünf. Neben dir zieht eine Frau mit grauen Haaren ihren Bademantel aus, setzt sich eine Wollmütze auf und geht langsam die Stufen hinunter. Sie atmet aus, lange und ruhig, und ist im Wasser. «Erste Minute ist die schlimmste», sagt sie, «danach wird es schön.»
Kaltwasserschwimmen, Eisbaden oder Winterschwimmen: Was früher als Spleen galt, hat sich zu einer kleinen Bewegung entwickelt. In Zürich, Genf, Bern und vielen kleineren Orten treffen sich Frauen und Männer im Winter regelmässig zum Bad im See oder Fluss. Was zieht sie ins eiskalte Wasser?
Warum Menschen sich das antun
Die Gründe sind so verschieden wie die Menschen, die es tun.
- Das Gefühl danach. Fast alle berichten von einem Hochgefühl, das stundenlang anhalten kann. Der Körper schüttet beim Kälteschock Stresshormone aus, nach dem Bad stellt sich eine tiefe Entspannung ein.
- Gemeinschaft. Kaltwasserschwimmen ist ein sozialer Sport. Man trifft sich, trinkt danach Tee, redet.
- Achtsamkeit. Im kalten Wasser kannst du an nichts anderes denken. Es zwingt dich in den Moment.
- Gesundheit. Viele erhoffen sich ein stärkeres Immunsystem, bessere Durchblutung oder Linderung von Beschwerden. Die Forschung ist noch nicht eindeutig. Es gibt Hinweise auf positive Effekte, aber auch klare Risiken. Wunder solltest du nicht erwarten.
Die Risiken ernst nehmen
Kaltes Wasser ist kein Spielplatz. Der Kälteschock in den ersten Sekunden kann zu unkontrolliertem Atmen, Herzrasen und Panik führen. Bei längeren Aufenthalten droht Unterkühlung.
Bevor du anfängst, solltest du wissen:
- Ärztlich abklären. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohem Blutdruck, Asthma, in der Schwangerschaft oder bei anderen Vorerkrankungen sprich vorher mit deiner Ärztin.
- Nie allein. Geh immer mit jemandem ins Wasser oder zumindest mit jemandem am Ufer.
- Kein Alkohol. Weder vorher noch danach.
- Nicht springen. Langsam eingehen, den Atem kontrollieren.
- Kurze Zeit. Am Anfang reichen 30 Sekunden bis eine Minute. Eine grobe Faustregel unter Erfahrenen lautet: nicht länger als eine Minute pro Grad Wassertemperatur. Für Anfängerinnen ist das aber zu lang.
- Kopf über Wasser. Gerade zu Beginn den Kopf nicht untertauchen.
- Strömung beachten. In Flüssen ist die Gefahr besonders gross. Wähle ruhige Stellen und kenne den Ausstieg.
Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG hat Baderegeln, die auch im Winter gelten. Ein Blick darauf lohnt sich.
So fängst du an
Der beste Zeitpunkt, um mit Kaltwasserschwimmen zu beginnen, ist der Herbst. Dann wird das Wasser langsam kälter, und dein Körper kann sich anpassen.
- Im September oder Oktober starten und regelmässig, etwa einmal pro Woche, weitermachen.
- Kalt duschen als Vorbereitung. Am Ende der Dusche 30 Sekunden kalt drehen.
- Atmen üben. Langes, ruhiges Ausatmen hilft gegen den Kälteschock.
- Eine Gruppe suchen. In vielen Städten gibt es Gruppen, die sich regelmässig treffen. Über soziale Medien oder lokale Vereine findest du sie.
Die richtige Ausrüstung
- Wollmütze. Über den Kopf verlierst du viel Wärme.
- Neoprensocken und -handschuhe. Hände und Füsse kühlen am schnellsten aus.
- Ein grosser Bademantel oder Poncho zum schnellen Umziehen.
- Warme, leicht anziehbare Kleidung. Keine engen Jeans, sondern Trainerhosen und weite Pullover.
- Thermosflasche mit warmem Tee.
- Eine Matte oder Unterlage, damit du nicht auf dem kalten Boden stehst.
Nach dem Bad gilt: schnell abtrocknen, anziehen, bewegen. Nicht sofort heiss duschen, sondern langsam aufwärmen. Der Körper kühlt nach dem Bad oft noch weiter ab, das sogenannte Afterdrop-Phänomen.
Wo es sich lohnt
In der Schweiz gibt es zahlreiche Orte für ein Winterbad. Ein paar Beispiele:
Genf. Die Bains des Pâquis am Genfersee sind im Winter ein Treffpunkt der Kaltwasserszene, mit Sauna und Fondue nach dem Bad. Im Dezember findet zudem traditionell ein Weihnachtsschwimmen im See statt, das viele Teilnehmende anzieht.
Zürich. Einige Seebäder und Flussbäder öffnen im Winter für Saunagäste, die zwischendurch in den See oder die Limmat steigen. Die genauen Angebote ändern sich je nach Saison.
Bern. Die Aare ist im Sommer der Stolz der Stadt. Im Winter wagen sich nur die Mutigsten hinein, und die Strömung bleibt stark. Wirklich nur mit Erfahrung und Begleitung.
Bergseen. Wer es extrem mag, steigt in einen Bergsee. Achtung: Eis auf Seen ist tückisch. Nie auf zugefrorene Seen gehen, wenn du die Eisdicke nicht kennst.
Überall gilt: Informiere dich über lokale Regeln. Nicht jede Uferstelle ist zum Baden geeignet, und manche Bereiche sind im Winter gesperrt.
Was in den ersten Minuten passiert
Wer weiss, was im Körper vorgeht, kann mit dem Schock besser umgehen. Ein vereinfachter Ablauf:
- Die ersten Sekunden: Die Haut meldet Kälte, und der Körper reagiert mit einem reflexartigen Einatmen, dem sogenannten Kälteschock. Puls und Blutdruck steigen. Hier hilft es, bewusst und langsam auszuatmen.
- Nach etwa einer Minute: Die Atmung beruhigt sich. Viele empfinden in dieser Phase ein Kribbeln und eine eigenartige Klarheit. Das ist der Moment, den Kaltwasserschwimmerinnen lieben.
- Nach einigen Minuten: Die Muskeln in Händen und Füssen kühlen aus, Bewegungen werden ungeschickter. Spätestens jetzt solltest du als Anfängerin aus dem Wasser.
- Nach dem Bad: Der Körper kühlt noch weiter ab, während das kalte Blut aus Armen und Beinen zurück in den Rumpf fliesst. Deshalb zittern viele erst nach dem Bad richtig.
Die Gemeinschaft
Was viele Frauen beim Kaltwasserschwimmen überrascht, ist die Gemeinschaft. An den Treffpunkten am See begegnen sich Menschen jeden Alters, die sich sonst nie kennengelernt hätten. Die Studentin, die Pensionierte, die Mutter von drei Kindern. Man teilt Tee, Tipps und manchmal das Frösteln danach.
Viele Gruppen treffen sich zu festen Zeiten, oft früh am Morgen vor der Arbeit oder am Sonntagvormittag. Neulinge sind in der Regel willkommen. Frag einfach, ob du dich anschliessen darfst. Gerade am Anfang hilft es enorm, erfahrene Schwimmerinnen dabeizuhaben, die wissen, wo der Einstieg sicher ist und wann man besser verzichtet.
Fazit
Kaltwasserschwimmen ist eine intensive Erfahrung, die viele Frauen nicht mehr missen möchten. Es fordert dich heraus, holt dich ins Hier und Jetzt und verbindet dich mit anderen. Aber es ist kein harmloser Wellness-Trend. Fang im Herbst an, geh nie allein, bleib kurz im Wasser und hör auf deinen Körper. Dann kann aus einem kalten Morgen am See ein Ritual werden, das deinen Winter verändert.