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Reisen

Overtourism: Warum ich nur noch in der Nebensaison reise

Volle Gassen, steigende Mieten, genervte Einheimische. Ein persönlicher Essay über Overtourism und die Kunst, zur richtigen Zeit zu reisen.

Samira Rossi 12. März 2026 5 Min.
Kapellbrücke und Wasserturm in Luzern an einem grauen, ruhigen Tag, die Altstadthäuser spiegeln sich im Wasser

Foto: Lin Mei auf Unsplash

Es war im August vor einigen Jahren, auf einer Brücke in Venedig. Ich stand still, weil es nicht mehr weiterging. Vor mir Selfiesticks, hinter mir eine Gruppe mit Fähnchen, neben mir eine Frau, die versuchte, mit einem Einkaufskorb nach Hause zu kommen. Sie sah mich an, nicht böse, eher müde. In diesem Moment habe ich verstanden, dass ich nicht nur Besucherin war, sondern Teil eines Problems.

Seitdem reise ich anders. Nicht weniger, aber zu anderen Zeiten. Und ich habe gemerkt: Die Orte, die ich liebe, zeigen sich in der Nebensaison oft von ihrer schönsten Seite.

Was Overtourism eigentlich bedeutet

Overtourism ist kein Modewort, sondern beschreibt eine Situation, in der so viele Menschen einen Ort besuchen, dass die Lebensqualität der Einheimischen und das Erlebnis der Gäste leiden. Die Folgen sind bekannt: steigende Mieten, weil Wohnungen zu Ferienunterkünften werden, verschwindende Quartierläden, überlastete Infrastruktur, Abfall, Lärm.

In den letzten Jahren haben sich Einheimische in mehreren europäischen Städten lautstark gewehrt, etwa in Barcelona, auf Mallorca oder auf den Kanarischen Inseln. Venedig verlangt an bestimmten Tagen eine Eintrittsgebühr für Tagesgäste. Auch in der Schweiz kennt man das Phänomen: Wenn ein Dorf durch eine Serie oder ein Social-Media-Video plötzlich berühmt wird, stehen Busse, wo vorher Kühe weideten.

Das Problem bin nicht ich allein – aber ich bin Teil davon

Es wäre bequem, die Schuld bei Kreuzfahrtschiffen oder Billigairlines abzuladen. Doch auch wir Individualreisenden tragen bei: mit Ferienwohnungen in Altstädten, mit Fotos an denselben Spots, mit Reisen in dieselben Wochen wie alle anderen.

Das heisst nicht, dass wir nicht mehr reisen sollen. Es heisst, dass wir überlegen können, wann, wohin und wie.

Die Nebensaison als Geschenk

Die Nebensaison, die Touristikerinnen «Shoulder Season» nennen, liegt meist im Frühling und im Spätherbst, je nach Destination auch im Winter. Was du gewinnst:

  • Platz. Du kannst stehen bleiben, schauen, fotografieren, ohne dass jemand drängt.
  • Begegnungen. Kellnerinnen und Museumsleute haben Zeit für ein Gespräch.
  • Preise. Unterkünfte und Anreise sind oft günstiger.
  • Licht. Die tief stehende Sonne im Oktober oder Februar macht Städte fotogener als die Mittagssonne im Juli.
  • Authentizität. Du siehst den Ort, wie er im Alltag funktioniert, nicht als Kulisse.

Was du in Kauf nimmst: kürzere Tage, unsicheres Wetter, teilweise geschlossene Restaurants und Ausflugsangebote. Das gehört dazu, und es ist ein fairer Tausch.

Wie ich heute plane

Ein paar Regeln, die ich mir gesetzt habe:

  1. Hotspots nur ausserhalb der Spitzenzeiten. Venedig im Januar, Cinque Terre im November, Lissabon im Februar. Wenn ich es nicht ausserhalb der Saison schaffe, lasse ich es.
  2. Zweite Städte statt erste Städte. Statt Florenz Bologna, statt Barcelona Valencia, statt Dubrovnik ein kleinerer Ort an der Küste. Oft sind sie die spannenderen Reiseziele.
  3. Länger bleiben, seltener fahren. Eine Woche an einem Ort hinterlässt mehr lokale Wertschöpfung und weniger Belastung als drei Kurztrips.
  4. Lokal schlafen, lokal essen. Lieber ein Familienbetrieb als eine Ferienwohnung, die dem Wohnungsmarkt fehlt. Lieber das Quartierrestaurant als die Kette am Platz.
  5. Regeln respektieren. Wenn ein Ort Besucherzahlen begrenzt, Gebühren verlangt oder Badezonen sperrt, hat das Gründe.

Auch in der Schweiz

Overtourism ist kein rein ausländisches Phänomen. Einige Schweizer Orte erleben an schönen Wochenenden einen Ansturm, der Einheimische an ihre Grenzen bringt: Parkplätze voll, Wege ausgetreten, Bergrestaurants überlastet.

Du kannst selbst entscheiden, ob du an einem Sonntag im Juli auf den bekanntesten Gipfel steigst oder an einem Dienstag im September auf einen weniger berühmten. Die Aussicht ist oft genauso schön. Und mit dem öffentlichen Verkehr anzureisen entlastet die engen Täler zusätzlich.

Was die Nebensaison mir gegeben hat

Ich erinnere mich an einen Morgen im November in einer kleinen italienischen Stadt. Nebel über dem Fluss, die Bar an der Ecke voller Menschen, die ihren Espresso im Stehen tranken. Niemand fotografierte. Der Barista fragte, woher ich komme, und erzählte mir, wo es den besten Markt gibt. Ich war keine Touristin, die durchgeschleust wurde, sondern ein Gast.

Solche Momente lassen sich nicht buchen. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, indem man zur richtigen Zeit kommt.

Ein Kalender für die Nebensaison

Nicht jede Destination hat dieselbe Nebensaison. Ein grober Überblick für beliebte Ziele ab der Schweiz:

  • Italienische Städte wie Venedig, Florenz oder Rom: November bis Februar, ausgenommen die Feiertage. Im Januar sind die Gassen oft fast leer.
  • Mittelmeerküsten: April, Mai und Oktober. Das Meer ist noch oder schon warm genug für Mutige, die Strände sind ruhig.
  • Paris, Amsterdam, Berlin: Januar bis März, wenn die Messen und Ferienzeiten vorbei sind.
  • Schweizer Bergregionen: Die Zwischensaison im Frühling und Spätherbst, wenn die Bergbahnen teils geschlossen sind, die Täler aber wunderbar ruhig.
  • Skandinavien: Spätherbst und Frühling, wenn es weder Mitternachtssonne noch Weihnachtsrummel gibt.

Achte auf Schulferien in den Nachbarländern. Was in der Schweiz ruhig ist, kann in Deutschland oder Frankreich gerade Ferienzeit sein.

Was ich in der Nebensaison einpacke

Reisen ausserhalb der Saison verlangt eine etwas andere Ausrüstung. Ein guter Regenschirm oder eine wasserdichte Jacke, Schuhe, die nasse Strassen aushalten, und eine warme Schicht für kühle Abende. Dazu eine Liste mit Alternativen für Regentage: Museen, Bibliotheken, Markthallen, Kinos. Und viel Geduld für geschlossene Türen – sie gehören dazu und machen Platz für Entdeckungen, die man nicht geplant hat.

Fazit

Ich glaube nicht, dass wir Reisen aufgeben müssen, um Orte zu schützen. Aber wir können bewusster wählen. Die Nebensaison ist dabei kein Kompromiss, sondern oft die bessere Wahl: für die Einheimischen, für die Umwelt und für dich. Pack einen Schirm ein, nimm in Kauf, dass nicht alles offen ist, und lass dich überraschen, wie anders ein Ort klingt, wenn er nicht überfüllt ist.