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Reisen

Slow Travel: Warum der Weg wieder zum Ziel wird

Langsam reisen ist mehr als ein Trend. Wie du mit dem Zug durch Europa reist, nachhaltiger unterwegs bist und dabei entspannter ankommst.

Samira Rossi 02. April 2026 5 Min.

Neun Stunden von Zürich nach Südfrankreich. Ein Freund schüttelte den Kopf, als ich ihm davon erzählte. «Mit dem Flugzeug bist du in einer Stunde da.» Stimmt. Aber mit dem Flugzeug hätte ich nicht gesehen, wie die Landschaft sich langsam verändert: wie die Hügel des Juras in die Ebenen Burgunds übergehen, wie die Dächer roter werden und die Zypressen zahlreicher. Ich hätte nicht im Speisewagen ein Gespräch mit einer Weinbäuerin geführt. Und ich wäre nicht so entspannt angekommen.

Slow Travel ist keine neue Idee. Es ist eigentlich die älteste Art zu reisen. Neu ist, dass immer mehr Menschen bewusst darauf zurückgreifen: weil sie das Klima schonen wollen, weil sie genug haben von Flughafenstress, oder weil sie entdeckt haben, dass Reisen mehr ist als das Ankommen.

Was Slow Travel bedeutet

Es geht nicht nur um das Verkehrsmittel. Slow Travel ist eine Haltung:

  • Weniger Orte, mehr Zeit. Statt fünf Städte in einer Woche lieber eine oder zwei.
  • Der Weg als Teil der Reise. Die Anreise ist kein notwendiges Übel, sondern ein Erlebnis.
  • Eintauchen statt abhaken. Einkaufen auf dem Markt, ein Lieblingscafé finden, die Nachbarschaft kennenlernen.
  • Bewusster Umgang mit Ressourcen. Weniger Emissionen, mehr lokale Wertschöpfung.

Warum der Zug

Die Bahn ist das ideale Verkehrsmittel für Slow Travel. Ein paar Gründe:

Klima. Zugreisen verursachen in Europa einen Bruchteil der Emissionen eines Flugs auf derselben Strecke. Genaue Zahlen hängen vom Strommix und der Auslastung ab, aber der Unterschied ist erheblich.

Zeit. Auf vielen Strecken ist der Zug von Stadtzentrum zu Stadtzentrum nicht viel langsamer als das Flugzeug, wenn du die Anreise zum Flughafen, Sicherheitskontrolle und Wartezeiten einrechnest. Zürich–Mailand oder Basel–Paris sind gute Beispiele.

Komfort. Du kannst aufstehen, herumgehen, arbeiten, lesen, essen. Keine Flüssigkeitsbeschränkungen, kein Gepäcklimit, kein Sicherheitsgurt.

Erlebnis. Die Landschaft zieht vorbei, die Sprache um dich herum ändert sich, du spürst die Distanz.

Europa ab der Schweiz: Die grossen Achsen

Die Schweiz liegt mitten in Europa und ist ein hervorragender Ausgangspunkt für Bahnreisen.

  • Richtung Italien: Durch den Gotthard nach Mailand, von dort weiter nach Venedig, Florenz, Rom oder an die Küste.
  • Richtung Frankreich: Über Basel oder Genf nach Paris, Lyon, Marseille und weiter in den Süden.
  • Richtung Deutschland und Norden: Über Basel nach Frankfurt, Köln, Hamburg oder Berlin, mit Nachtzügen bis nach Amsterdam.
  • Richtung Osten: Über Buchs SG oder Feldkirch nach Innsbruck, Salzburg und Wien, von dort weiter nach Prag, Budapest oder auf den Balkan.

Wer mehrere Länder bereisen möchte, kann sich einen Interrail-Pass ansehen. Er erlaubt flexible Fahrten in vielen europäischen Ländern innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Für Schweizer Wohnsitz gelten teilweise besondere Bedingungen, und für viele Hochgeschwindigkeitszüge brauchst du zusätzlich eine Reservation.

Eine Reise langsam planen

  1. Etappen statt Marathon. Plane Zwischenhalte ein, statt elf Stunden am Stück zu fahren. Eine Nacht in Mailand auf dem Weg nach Rom, eine Nacht in Lyon auf dem Weg nach Barcelona.
  2. Puffer einbauen. Verspätungen kommen vor, vor allem bei grenzüberschreitenden Verbindungen. Plane Umsteigezeiten grosszügig und buche wenn möglich durchgehende Billette, damit du bei einem verpassten Anschluss geschützt bist.
  3. Früh buchen. Viele Bahnen bieten günstige Frühbucherpreise, die schnell vergriffen sind.
  4. Reservationen prüfen. In Frankreich, Italien und Spanien sind Reservationen für Hochgeschwindigkeitszüge oft Pflicht.
  5. Proviant einpacken. Nicht jeder Zug hat einen Speisewagen, und wenn, ist er manchmal geschlossen.

Langsam vor Ort

Slow Travel endet nicht mit der Ankunft. Ein paar Ideen, wie du auch am Ziel langsamer reist:

  • Eine Unterkunft mit Küche. Einkaufen auf dem Markt und selbst kochen bringt dich näher an den Alltag des Ortes.
  • Zu Fuss und mit dem Velo. Du siehst mehr und kommst leichter ins Gespräch.
  • Einen Tag ohne Programm. Lass dich treiben, setz dich in einen Park, lies ein Buch.
  • Einen Kurs belegen. Kochen, Sprache, Keramik. So lernst du Menschen kennen, die nicht zur Tourismusbranche gehören.

Die ehrliche Seite

Slow Travel hat auch Nachteile. Zugreisen durch Europa sind nicht immer günstiger als Flüge, manchmal sogar deutlich teurer. Grenzüberschreitende Buchungen können kompliziert sein. Und nicht jede hat zwei Wochen Ferien am Stück, um sich langsam an ein Ziel heranzutasten.

Aber Slow Travel muss nicht radikal sein. Schon ein einziger Flug, den du durch eine Zugreise ersetzt, verändert deine Bilanz und deine Wahrnehmung.

Ein Beispiel: Von Zürich ans Mittelmeer

Wie eine langsame Reise aussehen kann, zeigt diese Route, die sich gut auf eine Woche verteilen lässt:

  1. Zürich – Mailand. Durch den Gotthard-Basistunnel, rund drei Stunden. Ein Nachmittag in Mailand, Aperitivo am Naviglio.
  2. Mailand – Genua. Eineinhalb bis zwei Stunden durch die Po-Ebene und den Apennin. Zwei Nächte in der Hafenstadt mit ihren verwinkelten Gassen.
  3. Genua – La Spezia oder Levanto. Entlang der ligurischen Küste mit Blicken aufs Meer. Ausgangspunkt für Wanderungen in den Cinque Terre, am besten in der Nebensaison.
  4. Zurück über Mailand. Oder weiter nach Florenz und von dort mit dem Zug zurück in die Schweiz.

Die Fahrzeiten sind Richtwerte und hängen vom Fahrplan ab. Aber das Prinzip zeigt sich: Jede Etappe ist kurz genug, um nicht zu ermüden, und lang genug, um die Landschaft zu erleben.

Fazit

Slow Travel lädt dich ein, das Reisen wieder als Ganzes zu erleben – mit allen Sinnen, mit mehr Zeit und mit weniger Hast. Der Zug ist dafür das perfekte Mittel, und die Schweiz der perfekte Startpunkt. Fang klein an: eine Bahnreise nach Mailand statt eines Wochenendflugs, eine Woche an einem Ort statt einer Rundreise. Du wirst merken, wie viel entspannter du ankommst, wenn die Reise nicht erst am Ziel beginnt.