Triest: Wo der Kaffee nach Literatur schmeckt
Habsburg trifft Adria. Ein Porträt der Hafenstadt Triest, die Schriftsteller anzog, Bora-Wind kennt und eine Kaffeekultur wie keine andere hat.
Foto: Alain ROUILLER auf Unsplash
Am Ende des Molo Audace stehen die Menschen und schauen aufs Meer. Niemand hat es eilig. Hinter dir öffnet sich die Piazza Unità d'Italia, einer der grössten Plätze Europas, der direkt zum Wasser hin offen ist. Die Paläste leuchten in der Abendsonne, und plötzlich frischt der Wind auf. Eine ältere Triestinerin hält ihren Hut fest und lacht: «Das ist noch nicht die Bora.»
Triest ist eine Stadt am Rand. Am Rand Italiens, am Rand des Meeres, am Rand verschiedener Kulturen. Jahrhundertelang war sie der wichtigste Hafen der Habsburgermonarchie, ein Schmelztiegel aus Italienern, Slowenen, Österreichern, Griechen, Juden und Serben. Diese Vielfalt spürst du bis heute – in der Architektur, in der Küche und vor allem in den Kaffeehäusern.
Anreise
Triest liegt im äussersten Nordosten Italiens. Mit dem Zug fährst du ab Zürich über Mailand und Venedig, insgesamt eine lange Tagesreise von rund acht bis neun Stunden. Es lohnt sich, die Reise zu unterbrechen, etwa mit einer Nacht in Venedig oder Verona. Alternativ führt ein Weg über Österreich und Slowenien. Prüfe die aktuellen Verbindungen und Umsteigezeiten, gerade auf italienischen Strecken kommt es regelmässig zu Bauarbeiten.
Ein Tipp: Triest eignet sich besser für vier bis fünf Tage als für ein klassisches Wochenende.
Kaffee wie nirgendwo sonst
Triest ist eine Kaffeestadt. Über den Hafen wurde jahrhundertelang Rohkaffee nach Mitteleuropa gehandelt, und bis heute haben hier wichtige Röstereien ihren Sitz.
Aber Vorsicht, die Bestellung funktioniert anders als im Rest Italiens:
- Nero ist ein Espresso.
- Capo ist ein Espresso mit etwas Milchschaum, ähnlich einem Macchiato, serviert im Glas als «capo in b».
- Caffelatte ist ein Cappuccino, wie man ihn anderswo kennt.
- Gocciato ist ein Espresso mit einem Tropfen Milchschaum.
Die historischen Kaffeehäuser erinnern an Wien: Marmortische, Holzvertäfelung, Zeitungen an Haltern. Hier sassen Schriftsteller wie James Joyce, Italo Svevo und Umberto Saba. Ein solcher Besuch gehört zum Pflichtprogramm, auch wenn du nur einen Nero trinkst.
Eine literarische Stadt
James Joyce lebte mehrere Jahre in Triest und schrieb hier Teile seiner wichtigsten Werke. Italo Svevo, ein Triestiner Kaufmann, wurde mit seinem Roman über einen Mann, der versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, berühmt. Der Dichter Umberto Saba führte eine Buchhandlung, die es noch heute gibt.
Überall in der Stadt erinnern Bronzestatuen an diese Männer. Joyce steht auf einer Brücke am Canal Grande, Saba schreitet durch eine Gasse. Wer gerne liest, findet in Triest einen literarischen Spaziergang, der sich durch die halbe Stadt zieht.
Ein Lesetipp für die Reise: Jan Morris' Buch über Triest, eine Liebeserklärung an die Stadt und eine Meditation über das Altern.
Was du sehen solltest
- Piazza Unità d'Italia. Der Platz zum Meer, am schönsten bei Sonnenuntergang.
- Canal Grande. Ein von Habsburg angelegter Kanal mitten in der Stadt, gesäumt von Cafés.
- Castello di Miramare. Ein weisses Schloss auf einer Landzunge nördlich der Stadt, erbaut für Erzherzog Maximilian. Der Park ist frei zugänglich, das Schloss ein Museum.
- Colle di San Giusto. Der Hügel mit Kathedrale und Burg, mit Blick über die Dächer.
- Barcola. Die Uferpromenade, an der die Triestiner im Sommer baden – auf Betonplatten, Felsen und Mäuerchen.
- Risiera di San Sabba. Eine Gedenkstätte an einem ehemaligen Konzentrationslager, ein wichtiger und bedrückender Ort der Erinnerung.
Essen in Triest
Die Küche zeigt die Geschichte der Stadt. In den traditionellen Buffets werden gekochtes Schweinefleisch, Würste, Sauerkraut und Meerrettich serviert – mitten in Italien. Daneben gibt es Fisch, Meeresfrüchte und slowenische Einflüsse.
Ein Erlebnis sind die Osmize auf der Karsthochebene hinter der Stadt: Bauernhöfe, die zeitweise eigene Produkte wie Wein, Schinken und Käse direkt verkaufen. Sie sind nur zu bestimmten Zeiten offen, ein Zweig an der Strasse zeigt den Weg.
Die Bora
Die Bora ist ein kalter, sehr starker Fallwind, der vor allem im Winter über die Stadt fegt. Böen können so heftig sein, dass in steilen Strassen Seile zum Festhalten gespannt sind. Wer im Winter reist, sollte winddichte Kleidung mitnehmen. Im Sommer ist die Bora seltener, dafür ist es heiss.
Ein Tag in Triest
Wie ein typischer Tag aussehen könnte:
Morgens: Ein Capo in b an der Theke einer Bar, dazu ein Gebäck. Danach Spaziergang über die Piazza Unità und hinaus auf den Molo Audace.
Vormittags: Aufstieg zum Colle di San Giusto, Besuch der Kathedrale, Blick über die Stadt.
Mittags: In einem Buffet ein Teller mit Kaiserfleisch und Kren, wie die Triestiner den Meerrettich nennen.
Nachmittags: Mit dem Bus nach Miramare, Spaziergang durch den Schlosspark, oder im Sommer Baden an der Barcola.
Abends: Aperitivo am Canal Grande, Abendessen mit Fisch, ein letzter Spaziergang am Wasser.
Triest allein entdecken
Triest ist eine angenehme Stadt für Alleinreisende. Sie ist überschaubar, weniger touristisch als Venedig und hat eine Kaffeehauskultur, in der Alleinsein zum guten Ton gehört. In den historischen Cafés sitzen Menschen stundenlang mit einer Zeitung oder einem Buch, niemand drängt.
Die Stadt ist hügelig, gutes Schuhwerk ist wichtig. Und wer gern liest, nimmt sich vor der Reise ein Buch eines Triestiner Autors mit – es gibt kaum einen schöneren Ort, um es zu lesen.
Wann reisen?
Frühling und Frühherbst sind die angenehmsten Reisezeiten: mild, hell und ideal für lange Spaziergänge am Wasser. Im Sommer wird es heiss, dafür lockt die Barcola zum Baden. Im Winter ist Triest ruhig und melancholisch, mit der Bora als ständiger Begleiterin – eine gute Zeit für Kaffeehäuser und Bücher. Wer im Oktober kommt, erlebt mit etwas Glück die Barcolana, eine der grössten Segelregatten der Welt, bei der hunderte Boote gleichzeitig im Golf vor der Stadt starten. Dann ist die Stadt voll, und Unterkünfte sind teurer.
Fazit
Triest ist keine Stadt für Checklisten. Sie ist für Menschen, die gern in Kaffeehäusern sitzen, Bücher lesen, aufs Meer schauen und Geschichte spüren wollen. Die Anreise ist lang, aber gerade das macht sie zum Erlebnis. Plane genug Zeit ein, lerne die richtigen Kaffeebestellungen und lass dich vom Wind und von der Melancholie dieser Stadt am Rand einfangen.