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Wellbeing

«Nervensystem regulieren»: Was hinter dem Trend steckt

Vagusnerv-Hacks, Tapping und Atemtechniken versprechen schnelle Ruhe. Ein kritischer Blick darauf, was hilft und was eher Marketing ist.

Mireille Sutter 22. Juni 2026 5 Min.

Wer in den letzten Monaten durch soziale Medien gescrollt hat, ist ihr kaum ausgewichen: der Aufforderung, das eigene Nervensystem zu regulieren. Frauen summen in die Kamera, um den Vagusnerv zu aktivieren. Sie tauchen das Gesicht in Eiswasser, klopfen sich auf das Brustbein, schütteln den ganzen Körper. Coaches bieten Kurse an, die einen «dysregulierten» Zustand in sechs Wochen beheben sollen. Und irgendwie scheint plötzlich alles, von Prokrastination bis Beziehungsproblemen, eine Frage des Nervensystems zu sein.

Ein Teil davon ist hilfreich. Ein Teil ist stark vereinfacht. Und ein Teil ist schlicht Marketing. Versuchen wir, das auseinanderzuhalten.

Was am Trend stimmt

Der Kern ist solide: Unser autonomes Nervensystem steuert unbewusste Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Verdauung. Vereinfacht gesagt gibt es einen Teil, der uns bei Gefahr in Alarmbereitschaft versetzt, den Sympathikus, und einen Teil, der für Ruhe und Erholung zuständig ist, den Parasympathikus. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Teil dieses Ruhesystems.

Bei chronischem Stress kann es sein, dass der Körper länger im Alarmzustand bleibt, als es gut ist. Und es stimmt auch, dass wir über bestimmte Körperzugänge Einfluss nehmen können, vor allem über die Atmung. Langsames Atmen mit betont langer Ausatmung wird in der Stressbewältigung schon lange eingesetzt, und viele Menschen erleben es als beruhigend.

Insofern ist es positiv, dass der Trend Menschen dazu bringt, auf ihren Körper zu achten und Stress nicht nur als Kopfproblem zu sehen.

Wo es zu einfach wird

Problematisch wird es an mehreren Stellen:

  • Übertriebene Versprechen. Ein bestimmtes Summen oder eine Übung «resettet» das Nervensystem nicht. Der Körper ist kein Router, den man neu startet. Kurzfristige Beruhigung ist möglich, eine dauerhafte Veränderung im Umgang mit Stress braucht in der Regel länger.
  • Wissenschaftlich klingende Begriffe. Theorien wie die Polyvagal-Theorie sind in Coachingkreisen sehr populär, in der Fachwelt aber umstritten. Sie werden online oft als gesichertes Wissen dargestellt.
  • Alles wird zum Nervensystem. Wenn jede Unlust, jede Beziehungskrise und jede Erschöpfung auf ein «dysreguliertes» Nervensystem zurückgeführt wird, geraten andere Ursachen aus dem Blick: schwierige Lebensumstände, Überlastung, körperliche Erkrankungen, psychische Störungen, die eine Behandlung brauchen.
  • Die Verantwortung liegt bei dir. Wenn du dich nur genug regulierst, so die unausgesprochene Botschaft, wirst du schon mit allem fertig. Dabei sind manche Belastungen nicht wegzuatmen, sondern müssen verändert werden.

Was du ausprobieren kannst

Mit realistischen Erwartungen können einige Techniken im Alltag hilfreich sein. Sie sind einfach, kostenlos und haben kaum Nebenwirkungen.

Verlängerte Ausatmung. Atme ruhig durch die Nase ein, zum Beispiel auf vier zählen, und langsam aus, etwa auf sechs bis acht. Ein paar Minuten lang. Wichtig: Es soll sich angenehm anfühlen, nicht angestrengt.

Der doppelte Seufzer. Zweimal kurz hintereinander durch die Nase einatmen, dann lange durch den Mund ausatmen. Viele erleben das als schnelle Entlastung in angespannten Momenten.

Orientierung im Raum. Lass den Blick langsam durch den Raum wandern, nimm Farben, Formen und Geräusche wahr. Das kann helfen, wenn Gedanken kreisen und du dich wieder im Hier und Jetzt verankern möchtest.

Bewegung. Ein Spaziergang, Treppensteigen, Ausschütteln. Körperliche Aktivität ist einer der bewährtesten Wege, Stressenergie abzubauen.

Wärme und Berührung. Eine Wärmflasche auf dem Bauch, eine Hand auf der Brust, eine Umarmung. Unspektakulär, aber oft wirksam.

Stress verändern, nicht nur aushalten

Eine Schwäche des Trends ist, dass er fast ausschliesslich bei der einzelnen Person ansetzt. Wer jeden Abend zwanzig Minuten summt, um den Druck eines Jobs mit dauernden Überstunden auszuhalten, behandelt das Symptom, nicht die Ursache. Darum lohnt es sich, neben den Körpertechniken auch diese Fragen zu stellen:

  • Was genau stresst mich? Eine konkrete Liste ist hilfreicher als ein diffuses Gefühl von «zu viel».
  • Was davon kann ich verändern? Gespräche führen, Aufgaben abgeben, Verpflichtungen absagen, Grenzen setzen.
  • Was davon kann ich nicht verändern? Hier können Atemtechniken, Bewegung und Unterstützung durch andere helfen, besser damit umzugehen.
  • Wer kann mich unterstützen? Partner, Freundinnen, Familie, Vorgesetzte, Fachpersonen.

Gute Stressbewältigung, wie sie zum Beispiel in Kursen oder Therapien vermittelt wird, verbindet meist beides: Strategien, um die Belastung selbst zu verringern, und Techniken, um mit dem verbleibenden Druck besser umzugehen.

Ein weiterer Punkt, der in den Videos selten vorkommt: Schlaf, regelmässige Mahlzeiten, Bewegung und soziale Kontakte sind die unspektakulärsten, aber wichtigsten Grundlagen für ein belastbares Stresssystem. Keine Übung kann dauerhaft ausgleichen, was durch chronischen Schlafmangel verloren geht.

Eine Warnung zu Kältetrends

Eisbäder und Gesichtstauchen in Eiswasser sind besonders beliebt. Für gesunde Menschen mag ein kalter Reiz belebend sein. Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck oder bestimmten anderen Vorerkrankungen kann Kälte aber riskant sein. Wer damit experimentieren möchte, sollte das vorher ärztlich abklären und nicht allein eisbaden gehen.

Wann Techniken nicht reichen

Atemübungen sind Werkzeuge für den Alltag. Sie ersetzen keine Behandlung. Wenn du unter anhaltender Angst, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Erschöpfung oder Folgen traumatischer Erlebnisse leidest, ist professionelle Unterstützung der richtige Weg. Ärztinnen, Psychotherapeuten und Psychiaterinnen haben dafür gut untersuchte Behandlungsmethoden. Und die Erfahrung, dass eine Atemübung nicht genügt, ist kein persönliches Versagen, sondern ein wichtiger Hinweis.

Sei auch vorsichtig bei Coaches, die ohne fundierte Ausbildung mit Traumata arbeiten oder versprechen, psychische Erkrankungen über Körperübungen zu heilen. Frag nach Ausbildung und Qualifikation.

Fazit

Der Trend zum regulierten Nervensystem hat einen wahren Kern: Der Körper spielt bei Stress eine grosse Rolle, und einfache Techniken wie langsames Atmen können kurzfristig Ruhe bringen. Gefährlich wird es dort, wo komplexe Probleme auf einfache Übungen reduziert werden. Nutze die Werkzeuge, die dir guttun, aber sei skeptisch bei grossen Versprechen und hol dir Hilfe, wenn es nicht besser wird. Ruhe entsteht selten durch einen Hack, meistens durch Bedingungen, die dir Ruhe überhaupt erst ermöglichen.