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Wellbeing

Psychotherapie in der Schweiz: So findest du einen Platz

Anordnungsmodell, Grundversicherung, Wartelisten. Ein praktischer Leitfaden für alle, die Unterstützung suchen und nicht wissen, wo anfangen.

Mireille Sutter 11. Mai 2026 5 Min.

Der Entschluss ist gefasst: Ich brauche Unterstützung. Vielleicht nach Monaten, in denen du gehofft hast, dass es von selbst besser wird. Vielleicht nach einem Gespräch mit einer Freundin, die gesagt hat: «Hast du schon mal an Therapie gedacht?» Und dann stehst du vor einem Dschungel aus Begriffen, Zuständigkeiten und Telefonnummern. Psychologin oder Psychiater? Wer bezahlt? Wie lange muss ich warten?

Dieser Leitfaden versucht, etwas Ordnung in den Dschungel zu bringen. Er ersetzt keine individuelle Beratung, soll dir aber den ersten Schritt leichter machen.

Wer macht in der Schweiz Psychotherapie?

Es gibt im Wesentlichen zwei Berufsgruppen, die Psychotherapie anbieten und deren Leistungen über die Grundversicherung abgerechnet werden können:

  • Psychiaterinnen und Psychiater sind Ärztinnen und Ärzte mit einer Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie. Sie können Diagnosen stellen, Psychotherapie durchführen und auch Medikamente verschreiben.
  • Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben Psychologie studiert und eine mehrjährige, anerkannte Weiterbildung in Psychotherapie absolviert. Sie verschreiben keine Medikamente.

Daneben gibt es viele weitere Angebote, etwa psychologische Beratung, Coaching oder komplementärtherapeutische Methoden. Diese können hilfreich sein, werden aber nicht von der Grundversicherung übernommen. Je nach Angebot zahlt eine Zusatzversicherung einen Teil.

Das Anordnungsmodell kurz erklärt

Seit Juli 2022 gilt in der Schweiz das sogenannte Anordnungsmodell. Psychologische Psychotherapeutinnen können seither selbstständig über die Grundversicherung abrechnen, wenn die Therapie von einer Ärztin oder einem Arzt angeordnet wurde. Früher mussten sie unter ärztlicher Aufsicht arbeiten, man sprach vom Delegationsmodell.

In der Praxis heisst das:

  1. Du gehst zuerst zu einer Ärztin, meist zur Hausärztin, die eine Psychotherapie anordnen kann. Auch Psychiaterinnen, Kinderärzte und bestimmte weitere Fachärztinnen dürfen das.
  2. Die Anordnung gilt für eine bestimmte Anzahl Sitzungen. Danach kann sie verlängert werden. Bei längeren Therapien braucht es einen Bericht an die Krankenkasse.
  3. Franchise und Selbstbehalt gelten wie bei anderen Leistungen der Grundversicherung.

Eine Evaluation im Auftrag des Bundes kam 2026 zum Schluss, dass sich das Modell etabliert hat und der Zugang zur Psychotherapie tendenziell besser geworden ist. Trotzdem erleben viele, je nach Region und Fachgebiet, nach wie vor Wartezeiten.

Schritt für Schritt zum Therapieplatz

1. Mit der Hausärztin sprechen. Sie kennt dich, kann körperliche Ursachen ausschliessen, die Therapie anordnen und oft auch Adressen empfehlen. Sag offen, wie es dir geht und was du suchst.

2. Suchen. Hilfreiche Wege sind:

  • Die Therapeutensuchen der Berufsverbände, etwa der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) oder der kantonalen Psychologieverbände
  • Die Ärztesuchen der kantonalen Ärztegesellschaften für Psychiaterinnen und Psychiater
  • Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis
  • Ambulatorien von psychiatrischen Kliniken oder Universitätsspitälern

3. Mehrere Anfragen gleichzeitig. Es ist üblich und völlig in Ordnung, mehrere Praxen anzuschreiben oder anzurufen. Viele haben Wartelisten. Eine kurze Mail mit deinem Anliegen, deiner Verfügbarkeit und deiner Versicherungssituation genügt.

4. Nach Wartelisten fragen. Lass dich auf mehrere Listen setzen und frag, ob es Kurzfristtermine gibt, wenn jemand absagt.

5. Ein Erstgespräch führen. Das erste Gespräch dient dazu, sich kennenzulernen. Du darfst prüfen, ob die Chemie stimmt.

Was eine gute Passung ausmacht

Die Beziehung zwischen dir und deiner Therapeutin ist einer der wichtigsten Faktoren für eine gelingende Therapie. Fragen, die du dir nach dem Erstgespräch stellen kannst:

  • Fühle ich mich ernst genommen und verstanden?
  • Kann ich mir vorstellen, hier auch schwierige Dinge anzusprechen?
  • Hat sie mir erklärt, wie sie arbeitet und was ich erwarten kann?
  • Passt die Methode zu meinem Anliegen?

Wenn es nicht passt, darfst du weitersuchen. Das ist kein Versagen, sondern Teil des Prozesses.

Eine Vorlage für die Anfrage

Wenn du nicht weisst, was du schreiben sollst, kann dir diese Vorlage helfen:

Guten Tag. Ich suche einen Therapieplatz und habe von meiner Hausärztin eine Anordnung für Psychotherapie erhalten. Es geht um anhaltende Erschöpfung und Ängste, die mich im Alltag stark belasten. Ich bin grundversichert bei Krankenkasse und zeitlich vor allem Wochentage, Tageszeiten verfügbar. Haben Sie in den nächsten Wochen oder Monaten einen Platz frei oder führen Sie eine Warteliste? Vielen Dank und freundliche Grüsse

Du musst in der Anfrage nicht ins Detail gehen. Ein Satz zu deinem Anliegen reicht, alles Weitere besprichst du im Erstgespräch.

Welche Therapieform passt?

Es gibt verschiedene anerkannte Richtungen, etwa die kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamische Verfahren, systemische Therapie oder humanistische Ansätze. Für manche Anliegen gibt es Methoden, die besonders gut untersucht sind, zum Beispiel bei Angststörungen oder Schlafstörungen. Wenn du unsicher bist, frag im Erstgespräch nach, wie die Therapeutin arbeitet und warum sie diesen Ansatz für dich passend findet. Eine gute Fachperson erklärt dir das gerne.

Wenn es schnell gehen muss

Nicht immer kann man wochenlang warten. Wenn es dir akut schlecht geht, gibt es Anlaufstellen, die sofort erreichbar sind:

  • Die Dargebotene Hand, Telefon 143, rund um die Uhr, anonym, auch per Chat und Mail
  • Deine Hausärztin, auch für kurzfristige Termine
  • Ärztlicher Notfalldienst deiner Region
  • Psychiatrische Notfalldienste oder Notfallstationen von Spitälern
  • Sanitätsnotruf 144 bei akuter Gefahr

Wenn du Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, warte nicht auf einen Therapieplatz. Wende dich sofort an eine dieser Stellen.

Was die Therapie kostet

Bei einer über die Grundversicherung abgerechneten Therapie bezahlst du, bis deine Franchise aufgebraucht ist, die Kosten selbst, danach den Selbstbehalt. Wer eine hohe Franchise hat, trägt also zunächst einen grösseren Teil. Es lohnt sich, das vor Beginn zu klären und bei Bedarf mit der Krankenkasse zu sprechen.

Bei Angeboten ausserhalb der Grundversicherung, etwa psychologischer Beratung ohne ärztliche Anordnung, bezahlst du selbst oder über eine Zusatzversicherung. Frag die Praxis vorher nach den Tarifen und kläre mit deiner Versicherung, was sie übernimmt.

Fazit

Den Weg in die Psychotherapie zu finden, kann anstrengend sein, gerade dann, wenn man ohnehin wenig Energie hat. Das Anordnungsmodell hat den Zugang in der Schweiz vereinfacht, aber Wartezeiten und Bürokratie bleiben Realität. Fang bei deiner Hausärztin an, frag bei mehreren Praxen an und lass dich nicht entmutigen, wenn die erste Antwort eine Warteliste ist. Und wenn es nicht warten kann: 143 ist immer da.