Wellbeing

Zwanzig Minuten um den Block

Kein Training, kein Wald, keine Schrittzahl. Warum ein kurzer Gang nach der Arbeit den Tag abschliesst, auch wenn es nieselt.

Mireille Sutter 16. Oktober 2026 5 Min.

Der Mantel ist noch an, die Tasche steht im Flur, das Sofa ist schon in Sicht. An diesem Punkt kippt der Abend meistens. Hinsetzen, Licht an, Handy, und plötzlich ist es halb neun. An einem Dienstag im Nieselregen bin ich stattdessen bis zur Bäckerecke und zurück. Zwanzig Minuten. Keine Runde, die sich auf einer Karte gelohnt hätte. Als ich wieder im Flur stand, war der Arbeitstag irgendwo zwischen der Ampel und dem Briefkasten geblieben.

Das ist der ganze Vorschlag. Kein Programm, das du optimieren musst.

Kein Sport und auch kein Wald

Es gibt Spaziergänge, die nach Leistung klingen, und solche, die nach Ausflug klingen. Dieser hier ist keiner von beiden. Du musst keine Pulsgrenze erreichen und keinen stillen Wald finden. Ein Block, den du schon kennst, reicht. Die Strasse zur Tramhaltestelle in die andere Richtung. Der Weg um die Wohnblöcke. Die Treppe zum Quartierpark und wieder hinunter.

Regen zählt. Dunkelheit zählt. Ein gelber Regenmantel ist dafür eine vollkommen ernsthafte Ausrüstung. Wer auf trockenes Wetter wartet, wartet in der Schweiz von November bis März ziemlich oft.

Der Unterschied zu einem Training: Du musst dich nicht umziehen, um anzufangen. Der Unterschied zu einem bewussten Waldbad: Du musst nirgends hinfahren. Der Nutzen ist kleiner und deshalb öfter da.

Warum gerade nach der Arbeit

Zwischen «ich bin noch in der letzten Sitzung» und «ich bin zu Hause» fehlt vielen eine Schwelle. Die Wohnungstür allein schafft sie nicht, weil das Handy mit hineinkommt und die offene Mail auch. Zwanzig Minuten draussen sind lang genug, dass der Kopf den Raum wechselt, und kurz genug, dass sie an einem vollen Tag noch Platz haben.

Es muss nicht der romantische Abendspaziergang sein. Es darf der praktische sein: vor dem Einkauf einmal um den Block, nach dem Abholen an der Kita die lange Ecke statt der kurzen, zwischen Homeoffice und Herd die Treppe hinunter und wieder hinauf. Der Zeitpunkt ist besser, wenn er immer derselbe ist. Nicht weil Disziplin so edel wäre. Weil du dann nicht jedes Mal neu entscheiden musst.

So wird es leicht genug, dass es bleibt

  • Mantel und Schuhe bleiben in der Nähe der Tür. Was du erst im Schrank suchen musst, verliert gegen das Sofa.
  • Dieselbe Ecke. Eine neue, schöne Route ist ein Ausflug. Der Block ist eine Gewohnheit.
  • Das Handy darf mit, muss aber nichts leisten. Kein Podcast als Pflicht, keine Schritt-App, die den Gang erst gültig macht. In die Tasche stecken ist erlaubt. Die ganze Runde filmen musst du nicht.
  • Seitenwind und Niesel sind kein Abbruch. Eine Passage, ein Laubengang, das gedeckte Stück beim Bahnhof zählen mit. Nur echtes Unwetter ist ein Grund, drinzubleiben.
  • Gesellschaft ist die Ausnahme, nicht die Bedingung. Einmal in der Woche mit einer Freundin ist schön. Wenn du auf die andere wartest, findest du selten einen Termin.

Zieh an, was du schon anhast, plus eine Schicht. Mütze, wenn die Ohren zuerst frieren. Schuhe, die eine Pfütze aushalten. Der Gang scheitert seltener an der Motivation als an nassen Socken.

Was du daraus nicht machen musst

Keine Serie, die reisst und dann vorbei ist. Kein Vorher-Nachher. Kein schlechtes Gewissen, wenn zwei Abende ausfallen, weil das Kind fiebert oder die Sitzung überzieht. Der Block ist am Donnerstag noch da. Er wird nicht kürzer, nur weil du ihn am Dienstag nicht gegangen bist.

Zwanzig Minuten verändern den Herbst nicht. Sie verändern die Stelle, an der der Arbeitstag aufhört und der Abend anfängt. Manchmal ist das nur eine Bäckerecke. Das genügt.