Berlin am Morgen, nach der Nacht im Zug
Der dritte Teil der Nachtzug-Serie: ankommen, ohne die Stadt an einem Tag abhaken zu müssen. Den Fahrplan prüfst du vor der Buchung.
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Berlin Hauptbahnhof, früher Morgen. Das Licht ist flach, die Leute gehen zur Arbeit, und du stehst mit einem Rucksack, in dem das Hemd vom Liegen zerknittert ist. Du hast mehr im Zug geschlafen als in einem Bett, oder eben nicht, und die Stadt hat schon angefangen, ohne auf dich zu warten. Das ist kein Missgeschick. Das ist die Ankunft, die ein Nachtzug dir gibt: mitten in einem Werktag, ohne den Weg vom Flughafen.
Die SBB und die ÖBB führen einen direkten Nachtzug von Zürich und Basel nach Berlin, den Nightjet. Ob er an deinem Datum fährt, wo er hält und welche Plätze noch frei sind, steht nicht in einem Artikel. Es steht im Fahrplan. Bauarbeiten und der Fahrplanwechsel im Dezember verschieben Verbindungen regelmässig. Bevor du buchst, prüfst du den Tag auf sbb.ch und bei den ÖBB, auf nightjet.com oder oebb.at. Dieselbe Prüfung gilt für die Rückfahrt. Manchmal ist ein Zug am Tag auf dem Rückweg die ruhigere Wahl, weil du den letzten Vormittag noch in der Stadt willst.
Wie Sitzwagen, Liegewagen und Schlafwagen sich anfühlen, steht im ersten Teil dieser Serie. Hier geht es um die Stadt nach der Nacht, nicht noch einmal ums Abteil.
Die erste Stunde nicht verplanen
Du kommst im Zentrum an, nicht an einem Rand. Trotzdem ist die erste Stunde kein Programm. Such das Café oder die Bäckerei, die schon offen hat, iss etwas, und schau auf die Tafel im Bahnhof, falls der Zug Verspätung hatte und dein Plan auf einer Uhr stand, die nicht mehr stimmt. Ein Museum, das du für neun Uhr gebucht hast, verträgt einen Nachtzug schlecht. Leg den ersten festen Termin auf den späteren Vormittag, oder lass ihn ganz weg.
Wenn der Zug nachts ankommt, weil etwas ausgefallen ist, brauchst du die Adresse der Unterkunft auf einem Zettel, nicht nur im Postfach. Den Weg vom Hauptbahnhof zu Fuss unterschätzst du leicht. Er ist lang. U-Bahn und S-Bahn sind der normale Weg, nicht die Notlösung. Welche Fahrkarte für die Stadt gerade gilt, sagen die Berliner Verkehrsbetriebe. Preise und Regeln ändern sich, also nachsehen, bevor du am Automaten die teuerste Taste drückst, nur weil du müde bist.
Gepäck kannst du oft an Bahnhöfen lassen. Ob Schliessfächer frei und wie teuer sie sind, prüfst du vor Ort. Eine Unterkunft, die den Koffer am Morgen schon nimmt, ist an einem Nachtzug-Wochenende mehr wert als ein besonderes Viertel.
Ein Kiez, nicht die ganze Stadt
Berlin belohnt an zwei oder drei Tagen nicht die Liste. Es belohnt einen Weg, den du zu Ende gehst.
«Ein Kiez, ein langer Weg, ein Abend. Der Rest der Stadt bleibt.»
Such dir ein Viertel, das du zu Fuss durchquerst, und ein einziges Haus, in dem du länger bleibst: ein Museum, eine Etage, ein Hof. Die Museumsinsel an einem Vormittag «mitzunehmen» ist ein Lauf, kein Besuch. Ein Haus, in dem du sitzt, bis die Füsse wieder da sind, merkst du dir noch auf der Rückfahrt.
Kreuzberg, Neukölln oder Prenzlauer Berg eignen sich dafür, weil du dort ohne Programm gehen kannst. Das ist keine Rangliste und keine Empfehlung für ein bestimmtes Lokal. Restaurants wechseln, Schlangen auch. Wenn du essen willst, ohne vorher einen Namen recherchiert zu haben, geh dorthin, wo um die Mittagszeit Leute aus den Büros stehen, und bestell, was die Karte in einem Satz erklärt. Den einen Abend lässt du offen. Ein Konzert, ein langes Essen oder einfach der Weg zurück, solange die Beine mitmachen.
Sonntags ist vieles zu, was unter der Woche wie ein Geschäft aussieht. Parks, Flohmärkte und die Bahnhofshallen funktionieren trotzdem. Ob dein Markt an diesem Sonntag steht, steht auf der Seite der Veranstalter, nicht in einem Reiseführer von letztem Jahr.
Allein, und wieder im Zug
Am Morgen bist du unter vielen Menschen unterwegs. Das fühlt sich für die meisten sicherer an als eine Ankunft nach Mitternacht. Wenn der Zug spät wird und es doch dunkel ist, gilt dasselbe wie auf anderen Nachtstrecken: die Adresse aufgeschrieben, auch ohne Netz, das Zugpersonal als erste Ansprechperson, und keine Verabredung mit jemandem, den du nur vom Bildschirm kennst und der dich an einen leeren Ort bestellt. Den Rest musst du nicht neu erfinden. Berlin ist laut und beleuchtet und manchmal erschöpft. Es ist keine Prüfung, die du bestehen musst.
Für die Rückfahrt buchst du nicht erst am Bahnhof, wenn dir die Stadt zu gross geworden ist. Nachtzüge sind an den guten Plätzen früh weg. Ein Tageszug zurück in die Schweiz dauert einen Arbeitstag und gibt dir das Fenster, das du in der Nacht nicht hattest. Beides ist richtig, je nachdem, ob du ankommen oder schauen willst.
Du stehst noch eine Minute auf dem Bahnsteig, bevor du in die Stadt gehst. Hinter dir sortiert sich der Zug. Vor dir die Treppe, der Lärm, ein Bäcker, der schon in der zweiten Runde ist. Du suchst nicht das Wahrzeichen. Du suchst den Ausgang, der zu dem einen Viertel führt, das du dir vorgenommen hast. Der Rest von Berlin kann warten, bis du wieder schläfst, während die Gleise unter dir liegen.