Reisen

Zu Besuch bei einer Freundin, die woanders wohnt

Das Gästebett, das Badezimmer und die Frage, wie lange ein paar Tage sind. Ein Besuch ist keine Ferienwohnung.

Samira Rossi 30. Oktober 2026 6 Min.

Der Schlüssel liegt in einem Kästchen neben einer Pflanze, die mehr Wasser brauchte als sie bekommen hat. Du schliesst auf, die Katze ist beleidigt, deine Freundin ist noch bei der Arbeit. Auf dem Tisch ein Zettel: «Bedien dich, ich bin um sechs da.» Du öffnest den Kühlschrank nicht sofort. Dann doch, weil der Zettel es sagt, und nimmst das Glas, das schon angebrochen ist, nicht das, das offensichtlich für etwas anderes dasteht. Ein Besuch beginnt, bevor die Gastgeberin im Raum ist. Er beginnt bei dem, was du in ihrer Wohnung anfasst.

Ihr habt euch lange nicht gesehen. Die Stadt ist ihrer, nicht deins Ziel. Wenn du vor allem die Museen willst, ist ein Zimmer die ehrlichere Adresse. Das Gästebett ist für die Freundin. Die Stadt gibt es dazu, nicht umgekehrt.

Ein paar Tage sind eine Zahl

«Komm doch ein paar Tage» ist eine freundliche Öffnung und ein schlechter Plan. Bevor du eine Fahrkarte kaufst, die sich kaum ändern lässt, nennt ihr die Daten laut.

«Ich komme Donnerstagabend und fahre Samstagmittag.»

Zwei Nächte sind für viele Wohnungen lange. Drei können gehen, wenn sie allein lebt und die Woche ruhig ist. Eine Woche braucht eine Absprache, die mehr ist als Freude am Telefon. Frag, ob das für ihre Arbeit, ihr Kind, ihre Mitbewohnerin stimmt. Eine begeisterte Antwort um elf Uhr nachts ist noch keine, die den Dienstagmorgen mitdenkt. Wenn sie zögert, ist ein Hotel für eine der Nächte kein Affront. Es ist oft das, was die Freundschaft übrig lässt, weil die Wohnung klein ist und der Wille trotzdem da.

Du reist so, dass du nicht um Mitternacht im Treppenhaus stehst, ausser sie hat diese Uhr ausdrücklich gesagt. Ein Nachtzug kann passen, ein später Flug mit der Bitte, dich abzuholen, oft nicht. Den Weg vom Bahnhof schaust du dir an, bevor du schreibst: «Ich stehe unten.»

Den Tag teilen, nicht besetzen

Sie hat ein Leben, in das du dich legst. Ein Abend gehört euch, ohne Programm, das du aus einem Reiseführer mitbringst. Einen Teil des Tages verbringst du draussen, damit sie ihre Küche wieder hat, ihre Arbeit, die Stunde, in der sie sonst niemanden sieht. Wer die ganze Zeit auf dem Sofa auf sie wartet, macht aus der Gastgeberin eine Animateurin.

Wenn ein Kind im Haus ist, ist der Morgen nicht deiner. Du stehst nicht im Weg der Brotdose. Du kannst die Spülmaschine ausräumen, wenn du weisst, wo die Becher hingehören, und du kannst verschwinden, bis das Haus wieder luftig ist. Die Freundschaft, die ein Kind aushalten muss, hat eigene Regeln. Hier reicht: du bist Gast in einem Takt, den du nicht kennst.

Ein Mitbringsel, das keine Vase braucht. Etwas zu essen, das liegen bleiben darf, ist oft besser als Blumen am ersten Abend, wenn sie kochen wollte und nun ein Gesteck unterbringen muss. Den grossen Einkauf fürs Wochenende kannst du übernehmen oder ein Essen zahlen, das ihr auswärts esst. Du musst nicht ihre Miete teilen. Du musst auch nicht so tun, als wäre alles ein Geschenk, während ihr Kühlschrank leer wird. Frag, was hilft. Dann tu das, nicht drei andere Dinge.

Bad, Bett, Abreise

Deine Tasche lebt nicht auf dem einzigen Bord im Bad. Haare aus dem Abfluss nimmst du mit, nicht erst in Gedanken auf der Rückfahrt. Das Handtuch, das sie dir hingelegt hat, ist deins für diese Tage. Das daneben nicht, auch wenn es weicher aussieht.

Beim Bett fragst du, ob du die Wäsche abziehen sollst oder ob sie das selbst macht. Beides ist üblich, ratespiel nicht. Eine Nacht auf dem Sofa ist in Ordnung, wenn es so abgemacht war. Eine Nacht, in der du ihre Seite des Bettes belegst, weil das Sofa durchhängt, nur nach einem Satz von ihr.

Am Morgen der Abreise ist die Wohnung so, dass sie nach der Arbeit nach Hause kommen kann, ohne zuerst deine Spuren wegzuräumen. Tasse gespült, Müll hinunter, Zettel auf dem Tisch. Keine Rede. Ein Satz reicht: Danke, und das nächste Datum nur, wenn es stimmt. Sonst die Umarmung und der Zug.

Du drehst den Schlüssel im Kästchen, die Pflanze hast du gegossen, weil der Zettel das auch sagte. In der Bahn schreibst du nicht einen Aufsatz über das Wochenende. Du schreibst, dass du angekommen bist. Sie antwortet zwischen zwei Terminen mit einem Foto der Katze, die wieder auf deinem Platz sitzt. Die Stadt hast du kaum gesehen. Die Freundin schon. Dafür warst du da.