Wenn die Kollegin geht und die Freundschaft bleiben soll
Der letzte Tag im Büro ist ein schlechter Moment für ein grosses Versprechen. Wie ihr den Übergang in den Alltag hinüberrettet.
Foto: Brooke Cagle auf Unsplash
Ihre Pflanze steht schon auf dem Stuhl, die Tasse ist in einer Tüte, und jemand hat einen Kuchen geschnitten, der zu süss ist. Ihr sagt beide: «Wir bleiben in Kontakt.» Niemand nennt ein Datum. Um halb sechs ist der Schreibtisch leer, ihr Konto bei der Firma auf dem Telefon noch eine Woche offen, und dann ist auch der zu. Was übrig bleibt, ist eine Freundschaft, die bisher den Flur als Treffpunkt hatte. Flure ziehen nicht mit.
Nicht jede Kollegin muss eine Freundin werden, nur weil der Abschied rührselig war. Manche Arbeitsbeziehungen sind gut und hören richtig auf, wenn die Stelle aufhört. Der Text hier ist für den anderen Fall: Ihr mögt euch, ihr habt auch ausserhalb der Sitzungen geredet, und ihr wollt nicht so tun, als erledige sich der Rest von selbst.
Vor dem letzten Tag, nicht danach
Am letzten Tag seid ihr umgeben von Leuten, die zuhören, und von Aufgaben, die noch jemand übernehmen muss. Das ist ein schlechter Moment, um Telefonnummern zu suchen. Die private Nummer, die private Adresse, der Kanal, der nicht der Firma gehört: das tauscht ihr in der Woche davor. Wer darauf wartet, dass «man sich schon findet», findet sich über die Suchfunktion eines Netzwerks wieder, in dem alle nur noch Geburtstage sehen.
Legt einen Termin, solange ihr beide noch im selben Kalender denkt.
«Ein Mittagessen im November. Kein Projekt, kein Büro.»
Ein Datum, ein Ort ausserhalb, eine Stunde. Nicht «irgendwann mal essen gehen». Irgendwann ist der Satz von vorhin, der keine Uhr hat. Wenn der November nicht geht, der Dezember. Wer den Termin zweimal verschiebt, sagt das laut und setzt einen neuen, oder lässt es. Beides ist klarer als eine Nachricht, die auf «diese Woche ist schlecht» stehen bleibt.
Die erste Zeit ist unbequem
Sie hat eine neue Stelle, neue Namen, eine Müdigkeit, die du nicht kennst. Du hast ihre Aufgaben vielleicht noch auf dem Tisch und eine Lücke im Alltag um zehn Uhr, wo sonst ihre Nachricht kam. In diesem Monat klingt jedes Gespräch leicht schief. Sie will nicht nur noch von der alten Firma hören. Du willst nicht ihre Beraterin für einen Betrieb werden, den du nicht siehst.
Ein paar Abgrenzungen helfen:
- Kein Bericht aus der alten Sitzung, den sie nicht mehr hören muss. Ein Satz, wenn sie fragt, reicht.
- Keine Bitte, intern etwas für dich herauszufinden. Dafür ist sie nicht mehr da, und es belastet das, was ihr behalten wollt.
- Kein Anspruch auf dieselbe Antwortzeit. Sie schuldet dir kein Fenster zwischen zwei Einführungen.
- Ein Thema, das es schon vorher gab: ein Buch, ein Weg, ein Ärger, der nichts mit Vorgesetzten zu tun hat.
Wenn ihr nur über die alte Arbeit reden könnt, war es vielleicht eine gute Zusammenarbeit und keine Freundschaft. Das darfst du merken, ohne es ihr vorzuwerfen. Manche Menschen sind am richtigen Ort die richtigen Menschen und danach Bekannte, die man gern grüsst.
Wie wenig auch reicht
Eine Freundschaft aus dem Büro muss kein zweites Wochenende werden. Vier Mittagessen im Jahr sind eine Form. Eine Sprachnachricht auf dem Heimweg ist eine Form. Ein gemeinsamer Kurs, wenn ihr denselben wollt, auch. Wer gleich die Ferien plant, überlädt einen Übergang, der noch keine neuen Gewohnheiten hat.
Du musst den Kontakt nicht im Alleingang tragen, und sie auch nicht. Sag, was du dir vorstellen kannst, und frag, was bei ihr Platz hat. Wenn sie in eine andere Stadt geht, wird aus dem Mittagessen etwas Seltenes. Dann gilt dasselbe wie bei jedem Besuch: ein Datum, ein Ende, und kein schlechtes Gewissen, weil der Flur nicht mehr da ist.
Falls der Abschied mit einem Konflikt zusammenhängt, mit einer Kündigung, die weh tut, oder mit einer Gruppe, die sich gespalten hat, ist die Freundschaft nicht der Ort, an dem der Betrieb aufgearbeitet wird. Dafür gibt es Gespräche mit der Personalstelle, mit einer Gewerkschaft, mit Leuten, die nicht gleichzeitig deine Freundin bleiben sollen. Ihr dürft euch mögen und den Streit woanders lassen.
Der Kuchen ist aufgegessen, die Pflanze steht unsicher auf dem Rücksitz ihres Velos. Du schickst ihr am selben Abend nicht einen langen Text. Du schickst den Termin. Donnerstag, zwölf Uhr, das Lokal an der Ecke, das ihr beide schon kennt und das nichts mit der Firma zu tun hat. Wenn sie ja sagt, habt ihr mehr als den Satz im Flur. Wenn sie einen anderen Tag vorschlägt, auch. Der Kontakt hat dann eine Uhr. Alles andere kann sich danach richten.